Deutscher Forstverein

Aufruf zur Geschlossenheit

Ein Artikel von Jörg Parschau | 22.05.2019 - 08:22

Harvester und Forwarder auf den Plätzen der wiederaufgebauten Dresdner Altstadt, umringt von staunenden Bürgern, bleiben als eines der prägendsten Bilder aus dem Rahmenprogramm der 69. Tagung des Deutschen Forstvereins in Erinnerung. Der „Waldmarkt“, organisiert vom Landesbetrieb Sachsenforst in enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, brachte den Wald buchstäblich in die Stadt, um ihn dort anhand vielfältiger Exponate, Produkte und Schautafeln als Lebensraum, Erholungsort und Wirtschaftsfaktor einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Spektakel in der Altstadt stand ganz im Einklang mit dem diesjährigen Leitthema der Forstvereinstagung – „Waldgesellschaft“.

Unter dem Eindruck des zurückliegenden Katastrophenjahres trat dieses Thema am Seminartag (9. Mai) allerdings etwas in den Hintergrund: Von den Vorträgen, die parallel in fünf großen Themenblöcken gehalten wurden („Gesellschaftswald“, „Innovationswald“, „Katastrophenwald“, „Waldland“ und „Waldeuropa“), zogen jene im Block „Katastrophenwald“ mit Abstand die meisten Forstleute an und füllten in der Tagungsstätte, dem Deutschen Hygienemuseum, den größten Saal.

Keine Hiobsbotschaften

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„Kein neues Waldsterben“: Prof. Dr. Hermann Spellmann hält Hiobsbotschaften zum Klimawandel für unangebracht © Jörg Parschau

Den Auftakt gab hier Prof. Dr. Hermann Spellmann, Direktor der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA). In seinem Vortrag: „Waldsterben reloaded? Wie umgehen mit dem Klimawandel und seinen Begleitern?“ warnte der Forscher vor allzu einseitigen Hiobsbotschaften: Zwar seien die aktuellen Prognosen zur Klimaentwicklung mit großer Unsicherheit behaftet, dennoch gehe er davon aus, dass auch in Zukunft weiter mit derselben Baumartenpalette gearbeitet werden könne, die aktuell in Mitteleuropa genutzt werde. Was sich mit dem Klimawandel ändere, sei vor allem die räumliche Verteilung dieser Baumarten. Dies berge sowohl Chancen als auch Risiken, die differenziert betrachtet werden müssten. Spellmann untermauerte sein Argument mit fundierten Forschungsergebnissen und präsentierte übersichtliche Entscheidungsbäume zur zukünftigen Baumartenverwendung.

Dennoch blieb sein Vortrag nicht ohne Kritik: In der anschließenden Diskussion meldete sich Dr. Rudolf Freidhager, Vorstand der Österreichischen Bundesforste (ÖBf), zu Wort und warnte vor Verharmlosung: Angesichts von Klimaszenarien mit bis zu 4 °C Erwärmung sei im schlimmsten Fall mit mediterranen Verhältnissen in Mitteleuropa zu rechnen, die einen völligen Austausch der derzeitigen Baumartenpalette durchaus erforderlich machen könnten, so Freidhager. Dieser Schlagabtausch veranlasste wiederum einen Vertreter des Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen, auf die Notwendigkeit hinzuweisen, trotz divergierender fachlicher Meinungen als Forstbranche abgestimmt und mit einheitlicher Stimme an der öffentlichen Diskussion zum Klimawandel teilzunehmen. Andernfalls drohten die Stimmen der forstlichen Akteure in der Kakofonie der vielen Meinungen zu diesem Thema unterzugehen. Dies sei angesichts der wichtigen Rolle eines funktionierenden Wirtschaftswaldes als „Rettungsanker“ im Klimawandel, die auch Spellmann in seinem Vortrag betont hatte, fatal.

„Stolz und laut“ kommunizieren

Es war dieser Ruf nach Geschlossenheit, der auf der Tagung immer wieder geäußert wurde. Im Vortrag „Herausforderungen der Öffentlichkeitsarbeit im internationalen Kontext“ im Themenblock „Waldeuropa“ war er die zentrale Botschaft. Hier stellten Kai Lintunen und Maria De Cristofaro vom Forest Communicators‘ Network (FCN) – einem internationalen Netzwerk von Kommunikationsexperten der UN-Zweige FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation) und UNECE (Wirtschaftskommission für Europa) – die aktuellen Herausforderungen forstlicher Öffentlichkeitsarbeit anschaulich dar. So wüssten Umfragen zufolge 80% der mitteleuropäischen Bevölkerung nichts vom Zusammenhang zwischen Wald und Klimawandel. Zudem werde die Nachhaltigkeit der heimischen Forstwirtschaft zu wenig wahrgenommen. In den Medien trete das Thema „Wald“ vor allem in Form von Negativ-News oder aber romantisch verklärt in Erscheinung. Auch der Begriff „Bioökonomie“ sei in Mitteleuropa noch weitgehend unbekannt – anders als etwa in Lintunens Heimat Finnland, wo innovative holzbasierte Produkte derzeit in aller Munde seien. In dieser Situation müsse die Forst- und Holzbranche ihre nachhaltigen Lösungen „stolz und laut“ kommunizieren, um anderen Akteuren nicht das Feld zu überlassen. Dazu gaben die Referenten nützliche Tipps und anschauliche Beispiele aus der Praxis ihres Netzwerks.

„BauBuche“ statt Fichte?

Im Vortrag „Perspektivwechsel: Waldbau aus Sicht des Bauens und der konstruktiven Holzverwendung. Was ist nachhaltig?“ im Themenblock „Innovationswald“ präsentierten die Architekturprofessoren Dr. Peer Haller (TU Dresden) und Tom Kaden (TU Graz) die Sichtweise ihrer Branche auf den naturnahen Wald(um)bau, der die Ressourcensituation massiv verändere. Ihr Fazit war überraschend positiv: Haller zufolge schneiden Nadelhölzer hinsichtlich ihrer technischen Eigenschaften im Vergleich mit Laubhölzern zwar meist besser ab, allerdings ließen sich viele Nachteile durch neuartige Baustoffe wie „BauBuche“ (Buchenfurnierschichtholz) ins Positive kehren. Im Zuge der vermehrten Verwendung von Holz als Ersatz für die nicht regenerativen Baustoffe Stahl und Beton sei mit einer zunehmenden Nachfrage nach solch innovativen Holzbaustoffen zu rechnen.

Auch dieser Vortrag zog lebhafte Diskussionen nach sich: Kritiker verwiesen auf das Problem der geringeren Ausbeute in der Buchenwirtschaft, die Nässeempfindlichkeit der Holzart sowie den höheren Bedarf an grauer Energie bei ihrer Verarbeitung. Prof. Konstantin von Teuffel, Direktor der Forstlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg (FVA), hielt dagegen: Man solle erst einmal froh sein, dass sich für die Buche, die bisher meist verbrannt wurde, solche Möglichkeiten fänden.