Klimaforscher Univ.-Prof. Hans Joachim Schellnhuber vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), Laxenburg/AT, gab bei der Präsentation von SITCA am Mittwoch in Wien einen dramatischen Ausblick auf die Zukunft: Weiter stark steigende Temperaturen würden viele Regionen unbewohnbar machen und stellten eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit dar.
Der Bau- und Gebäudesektor sorgt für 34% des globalen Energieverbrauchs und ist verantwortlich für 37% der globalen CO₂-Emissionen. SITCA will, dass der Bausektor durch nachhaltige Waldwirtschaft und modernen Holzbau zu einem Motor für den Klimaschutz und die Wirtschaft wird. Ausgangspunkt sind wissenschaftlich untermauerte Fakten und wirtschaftliches Know-how.
Eine im Fachjournal Science veröffentlichte Studie der University of California-Davis und der Stanford University zeige etwa, dass durch den Ersatz konventioneller Baustoffe durch CO₂-speichernde Alternativen jährlich bis zu 16 Mrd. t CO₂ weltweit im Bauwesen gebunden werden könnten. „Nachhaltige Forstwirtschaft und Holzbau können gemeinsam mit Wiederverwendung und modernen Recyclingtechnologien eine langfristige Kohlenstoffsenke bilden“, so Schellnhuber, der vom Konzept der sogenannten Wald-Bau-Pumpe sprach. Gemeint ist damit, dass langlebig verbautes Holz Kohlenstoff speichert, während nachwachsende Bäume weiteres CO₂ aufnehmen.
Die Mitglieder der Allianz
Die Initiative vereint die Gründungspartner IIASA, Hilti, Schaan/LI, Wiehag, Altheim/AT, Binderholz, Fügen/AT, Egger Holzwerkstoffe, St. Johann in Tirol/AT, Stora Enso, Helsinki/FI, und die Österreichischen Bundesforste (ÖBf), Purkersdorf/AT. Als erster neuer Partner kam vor Kurzem die Hasslacher Gruppe, Sachsenburg/AT, an Bord. SITCA versteht sich nicht als Lobbyorganisation, sondern will Entscheidungsträgern auf nationaler und internationaler Ebene Fakten zum Thema vermitteln. Man arbeite gerade an einem Policy-Brief, also an einem kurzen, wissenschaftlich fundierten Dokument, informiert die Allianz. Überzeugungsarbeit will man über persönliche Kontakte und Auftritte bei Veranstaltungen leisten. Künftig sind auch Eigenveranstaltungen geplant.
Ausgehend von Österreich soll SITCA international wachsen, derzeit wird noch Aufbauarbeit geleistet. Die Gründungsmitglieder engagieren sich auch finanziell in der Allianz, konkrete Zahlen wurden nicht bekanntgegeben. Weitere Partner sind willkommen, es besteht die Möglichkeit als Financing-, Scientific- oder Associated-Partner sowie als Ambassador die Initiative zu unterstützen. Mehr Informationen dazu gibt es auf der SITCA-Website.
Industrie pocht auf faire Regeln
Wiehag-CEO Dr. Erich Wiesner: „Mit SITCA schaffen wir die wissenschaftliche Basis, um Entscheidungsträger aus Politik, Behörden, der Immobilien- und Bauwirtschaft weltweit von einem Paradigmenwechsel zu überzeugen. Weg von CO₂-intensiven Materialien, hin zu regenerativen Baustoffen." © BMLUK/Hemerka
Laut Dr. Erich Wiesner, CEO von Wiehag, gewinne der Holzbau zunehmend global an Bedeutung, auch in Ländern, in denen dieser bisher kaum eine Rolle spielte. Allerdings sei der Weg steil, weil die Politik gerne Absichtserklärungen abgebe, aber konkrete Maßnahmen fehlten. „Eine Barriere sind fragmentierte und überholte Bauordnungen“, sprach Wiesner ein Problem an. Außerdem seien Fragen des Brandschutzes, Bewertungen durch Versicherungen und Kompetenzlücken bei Entscheidungsträgern Hemmnisse für den Holzbau. „Der nicht bepreiste CO₂-Ausstoß am Markt ist unzureichend sichtbar. Es gibt das Interesse, die Klimavorteile des Holzbaus zu unterdrücken, da kämpft eine Milliarden-Lobby dagegen“, kritisierte der Wiehag-Geschäftsführer und forderte ein modernes Regelwerk, das den aktuellen Stand der Technik widerspiegelt und die positiven Klimaeffekte des Holzbaus berücksichtigt.
Die Kostenfrage habe jedenfalls Relevanz, wie auch Helmut Spiehs, Geschäftsführer bei Binderholz, Fügen/AT, ergänzte. Der Holzbau sei nicht nur nachhaltiger, sondern durch die Modulbauweise auch schneller umzusetzen, was ihn im Endeffekt kostengünstiger mache. Spiehs betont, dass neben den Bauherren und dem Staat vor allem die Baufirmen vom Baustoff Holz überzeugt werden müssen.
Die Wälder als Museen
Startschuss für die Science and Timber Construction Alliance unter der Federführung des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber © BMLUK/Hemerka
Univ.-Prof. Schellnhuber warnte weiters vor einem Trend in der Politik, „Wälder zu Museen machen zu wollen“. Damit gemeint ist die Idee, die Nutzung der Wälder durch den Menschen in einem falsch verstandenen Versuch des Klimaschutzes stark einzuschränken. „Wollen wir Wälder zu Museen des menschlichen Versagens machen?“, fragte Schellnhuber provokant. „Lieber sollten wir wie gute Gärtner mit der Natur umgehen.“
Georg Schöppl, Vorstandssprecher der ÖBf, stimmte zu, dass es keinen Sinn habe, „den Wald außer Nutzung zu stellen“. Im Gegenteil: „Dem Wald sind wir Menschen egal, uns ist der Wald nicht egal!“ Eine nachhaltige Bewirtschaftung sei nur mit einem ökologischen, sozialen und ökonomischen Zugang möglich.