Kohlenstoffmanagement im Wald. Weniger Risiko durch mehr Resilienz:
Wälder sind wichtig für das Klima. Sie binden CO2 aus der Luft und speichern Kohlenstoff in Holz und Boden. Viele Wälder in Europa verlieren jedoch zunehmend diese Fähigkeiten. Durch eine entsprechende Bewirtschaftung der oberirdischen Biomasse lässt sich jedoch die Kohlenstoffspeicherung im Wald langfristig erhalten.
© TU4F
Wälder sollen Kohlenstoff speichern, Biodiversität sichern, Erholung bieten und zugleich Holz liefern. Wie sich diese Ansprüche verbinden lassen, ist zunehmend umstritten. Klimawandel, geopolitische Unsicherheiten und neue Vorgaben verschärfen die Zielkonflikte. Teaming Up 4 Forests (TU4F) will die Debatte auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen.
Die Plattform wurde 2021 von der International Union of Forest Research Organizations, kurz IUFRO, und Mondi gegründet. Inzwischen verbindet sie ein Netzwerk aus mehr als hundert Forschenden, Vertretern der Forst- und Holzwirtschaft, Waldbesitzern und politischen Entscheidungsträgern. Im März 2025 verlängerten die Partner ihre Zusammenarbeit um weitere drei Jahre. Neue Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette sollen hinzukommen.
Brücke zwischen zwei Welten
Dirk Längin, Mondi, und Alexander Buck, IUFRO, setzen mit Teaming Up 4 Forests auf Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft (v. li.). © Philipp Matzku
Die Plattform vernetzt Forschende und Vertreter der Industrie systematisch“, erläutert IUFRO-Direktor Alexander Buck. Ihr Zweck sei nicht, einzelne Unternehmen zu beraten. Vielmehr gehe es um gemeinsame Herausforderungen der Forst- und Holzwirtschaft und darum, wissenschaftlich fundierte Handlungsoptionen für eine nachhaltige Zukunft der Wälder und ihrer vielfältigen Leistungen zu entwickeln.
Für Mondi liegt der Nutzen in dieser überbetrieblichen Perspektive. „Wir stellen die Plattform zur Verfügung und haben ein starkes Interesse, sie zu erweitern“, betont Dr. Dirk Längin, Group Head of Fibre Sourcing. Ein Sägewerk beurteile die Rohstofffrage anders als ein Zellstoffproduzent. Waldbesitzer, Politik und Gesellschaft hätten eigene Erwartungen an den Wald. Die Plattform soll diese Sichtweisen zusammenführen.
Im Dialog werden Probleme und Herausforderungen identifiziert. Die Wissenschaft übersetzt sie in überprüfbare Fragen, bewertet den Kenntnisstand und zeigt Reaktionsmöglichkeiten. Für Buck verhindert diese Verbindung, dass Forschung an der Praxis vorbeigeht. Für Längin schafft sie eine Grundlage für Entscheidungen, deren Wirkung über Jahrzehnte reicht.
„Damit wir die Ziele für nachhaltige Entwicklung erreichen, ist die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft unabdingbar“, betont Buck. Die Kooperation ermögliche es IUFRO, den Informationsbedarf der Holzwirtschaft zu erkennen und daraus unabhängige, faktenbasierte und anwendbare Lösungen zu entwickeln.
Praxisfragen werden Forschung
Am Anfang stehen Think-Tank-Treffen mit Forschenden, Unternehmen, Waldbesitzern und staatlichen Vertretern. Fachleute bereiten das jeweilige Thema auf. Danach wird geklärt, wo Wissen fehlt und welche Fragen für die Praxis entscheidend sind.
Ein Beispiel für diesen Ansatz ist die 2024 veröffentlichte Studie „Europe‘s wood supply in disruptive times“. Ausgangspunkt war die Frage, welche Auswirkungen der Klimawandel auf Europas Holzversorgung haben könnte. Rasch zeigte sich, dass sich eine Antwort nicht allein aus Klimamodellen und Waldwachstum ableiten lässt. Schutzgebiete, politische Vorgaben, Arbeitskräfte, Eigentümerstrukturen und die Mobilisierung im Kleinprivatwald beeinflussen das verfügbare Holz ebenfalls. Für solche Fragestellungen stellt IUFRO internationale Forschungsteams zusammen. Eine Gruppe wertet das veröffentlichte Wissen aus, weitere Fachleute prüfen Vorgehen und Schlussfolgerungen. Vorläufige Ergebnisse werden an die Plattform zurückgespielt. Die Teilnehmer können auf offene Punkte und praktische Zusammenhänge hinweisen. In die wissenschaftliche Bewertung greifen sie nicht ein.
Der Ansatz unterscheidet sich damit von einer klassischen Auftragsstudie. Es wird nicht nur eine einzelne Prognose erstellt. Vielmehr tragen Wissenschaftler:innen den vorhandenen Forschungsstand zusammen, bewerten Widersprüche und benennen Unsicherheiten. Aus der Gegenprüfung durch weitere Fachleute aus der Wissenschaft sollen differenzierte und möglichst differenzierte, evidenzbasierte und nachvollziehbare Schlussfolgerungen entstehen.
Unabhängigkeit als Grundsatz
Die Nähe zwischen Wissenschaft und einem Industriekonzern wirft zwangsläufig die Frage nach der Unabhängigkeit auf. Buck bezeichnet die Integrität des wissenschaftlichen Prozesses als „nicht verhandelbares Grundprinzip“. IUFRO entscheidet eigenständig, welche Forschenden beteiligt werden. Mondi hat weder Einfluss auf die Auswahl der Forschenden noch auf die wissenschaftlichen Ergebnisse. Die Wissenschaftler:innen bleiben zudem Eigentümer:innen ihrer Publikationen und können diese gegebenenfalls zweitverwerten.
Die Industrie wirkt bei der Festlegung des übergeordneten Themas mit. Danach läuft der wissenschaftliche Prozess unabhängig. „Die Rolle der Wissenschaft ist es, Handlungsoptionen aufzuzeigen und nicht eine bestimmte Option normativ vorzugeben“, betont Buck. IUFRO verstehe sich als „honest broker“, der Wissen und unterschiedliche Optionen offenlegt, ohne eine bestimmte politische oder wirtschaftliche Option vorzugeben. Handeln müssten Politik, Waldbesitzer und Unternehmen.
Längin sieht darin den zentralen Wert der Kooperation. Unternehmen stehen bei Klimaschutz, Biodiversität und Rohstoffnutzung unter hohem öffentlichem Druck. Eigene Aussagen würden rasch als Lobbyarbeit eingeordnet. Wissenschaftliche Ergebnisse könnten die Debatte versachlichen.
Es gehe nicht darum, eine gewünschte Position bestätigen zu lassen. Vielmehr sollten Entscheidungen mit Fakten statt mit Meinungen begründet werden. „Der Wald kommt aufgrund der Klimaveränderungen verstärkt unter Druck. Unsere Rohstoffversorgung ist infrage gestellt“, erläutert Längin. Wissenschaftlich fundierte Entscheidungen seien daher für die gesamte Branche unverzichtbar.
Rohstofffrage reicht Jahrzehnte
Rohstoff für die Zukunft: Welche Baumarten und Sortimente künftig verfügbar sind, muss frühzeitig geklärt werden. © IUFRO
Für Mondi ist die Absicherung der Faserholzversorgung ein wesentlicher Beweggrund. Dabei gehe es nicht darum, Waldbesitzer kurzfristig zu höheren Einschlägen zu bewegen. Industrieanlagen lassen sich jedoch nicht rasch auf andere Rohstoffe ausrichten. Deshalb müsse früh geklärt werden, welche Baumarten und Sortimente in 20, 30 oder 50 Jahren verfügbar sein können.
Gerade die Fichte in Mitteleuropa zeigt, dass Entscheidungen nicht aufgeschoben werden können. Klimafitte Bestände können unter anderem durch rechtzeitige Verjüngung, eine standortgerechte Baumartenwahl und eine Diversifizierung von Risiken gefördert werden.
Aktive Waldbewirtschaftung bedeutet aus Sicht Längins auch, rechtzeitig Platz für die nächste Waldgeneration zu schaffen. Wer in 30 oder 50 Jahren klimafitte Wälder haben wolle, müsse heute handeln. Dabei gehe es nicht allein um die Versorgung der Industrie. Der Waldumbau müsse in erster Linie die Stabilität der Bestände erhöhen.
Für Österreich wird das Problem im Kleinprivatwald konkret. Eine aktive Waldbewirtschaftung kann zudem das Waldbrandrisiko senken, indem brennbares Material reduziert und stabile, strukturreiche Bestände gefördert wird. Buck verweist auf das Mölltal in Kärnten, wo zahlreiche abgestorbene Fichten auf kleinen Privatwaldflächen stehen. Größere Waldbesitzer hätten Schadholz meist rasch entfernt. Bei kleinen, teils waldfernen Eigentümern sei es schwieriger, Pflege, Aufarbeitung und Wiederbewaldung anzustoßen. Die Rohstofffrage ist damit auch eine Frage von Beratung, Organisation und geeigneter Bewirtschaftungsstrukturen.
Entscheidend ist nicht nur, wie viel Holz Europas Wälder künftig erzeugen. Zu klären ist auch, welcher Wald unter veränderten Bedingungen bestehen kann, welche Leistungen von ihm erwartet werden und welcher Teil des Zuwachses auf den Markt gelangt. Schutz, Kohlenstoffspeicherung und Nutzung dürfen nicht isoliert betrachtet werden.
Auch die Industrie müsse ihren Beitrag leisten. Längin nennt eine höhere Effizienz der Prozesse und eine bessere Rohstoffausbeute. Mit weniger Ressourceneinsatz sollen mehr oder höherwertige Produkte entstehen. Bei unternehmensspezifischen Innovationen stoße die Plattform allerdings an Grenzen. Dort gehe es häufig um Wettbewerbsvorteile, die nicht innerhalb eines offenen Netzwerks geteilt werden könnten.
Studie als erster Baustein
Buchenwald in Niederösterreich: Die Anpassung der Wälder an den Klimawandel erfordert langfristige Entscheidungen bei Baumartenwahl und Bewirtschaftung. © IUFRO
Die 2024 veröffentlichte IUFRO-Synthesestudie „Europe’s Wood Supply in Disruptive Times“ bündelt den Forschungsstand zu Europas Holzversorgung. Klimawandel, politische Unsicherheiten und fragmentierte Waldlandschaften wirken demnach gemeinsam auf das Holzaufkommen. Als erhoffte Reaktionen nennt die Studie resilientere Wälder, eine breitere Rohstoffbasis und eine bessere Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette.
Die Untersuchung ist kein Endpunkt. Workshops, Webinare und die Publikationsreihe „Research Insights“ sollen die Erkenntnisse für Unternehmen, Waldbesitzer und politische Entscheidungsträger nutzbar machen. Die kompakten Ausgaben ordnen Forschungsergebnisse ein und leiten daraus Handlungsmöglichkeiten für Wirtschaft und Politik ab.
Forschung entfaltet aus Sicht der Partner erst Wirkung, wenn sie verständlich kommuniziert, regional eingeordnet und in Entscheidungen übersetzt wird. Eine wissenschaftliche Studie könne die Handlung selbst nicht ersetzen. Sie könne aber zeigen, welche Folgen unterschiedliche Entscheidungen voraussichtlich haben.
Plattform soll wachsen
Nach fünf Jahren wollen IUFRO und Mondi TU4F breiter aufstellen. Längin nennt zusätzliche internationale Partner aus der Zellstoff- und Sägeindustrie sowie dem Waldbesitz als Ziel. Damit sollen weitere Teile der Wertschöpfungskette in die Diskussion eingebunden werden. Auch die Kommunikation über Verbände und gegenüber der EU-Politik soll verbessert werden.
Zudem soll das Konzept auf weitere Kontinente übertragen werden. Dort unterscheiden sich die Ausgangslagen deutlich. In Teilen Südamerikas stammt der Rohstoff vor allem aus gepflanzten Wäldern. Dort stehen neben der Produktivität auch Biodiversität, Wasserhaushalt und die Nutzung degradierter Landwirtschaftsflächen im Mittelpunkt. In Europa spielen Kleinprivatwald und unterschiedliche Eigentümerziele eine größere Rolle.
Buck will außerdem die Wirkung der Plattform besser messbar machen. Anders als Interessenvertretungen, die für bestimmte Positionen eintreten, soll TU4F tragfähige Optionen auf wissenschaftlicher Grundlage entwickeln. Maßgeblich wird sein, ob die Erkenntnisse Waldbewirtschaftung, Investitionen und politische Rahmenbedingungen beeinflussen.
Im Herbst wird laut Buck und Längin die zweite große Synthesestudie veröffentlicht, die untersucht, wie sich Produktivität und Biodiversität in europäischen Wäldern miteinander verbinden lassen. Die Ergebnisse wird die Forstzeitung in einem eigenen Beitrag würdigen.
Europas Holzversorgung unter Druck
Europas Holzversorgung steht vor wachsenden Unsicherheiten. Zu diesem Ergebnis kommen die IUFRO-Studie „Europe’s wood supply in disruptive times“ und die „Research Insights, Issue No. 02“ von Teaming Up 4 Forests. Klimawandel, politische Unsicherheiten, fragmentierte politische Rahmenbedingungen sowie Veränderungen im Waldbesitz wirken gleichzeitig auf Forstwirtschaft und Holzindustrie.Dürre, Waldbrände und Schädlinge beeinträchtigen die Wälder und damit die Holzversorgung. Traditionelle Baumarten verlieren in einzelnen Regionen an Eignung. Zugleich erschweren Zielkonflikte zwischen Holznutzung, Klimaschutz, Biodiversität und Energiepolitik die langfristige Planung und Versorgungssicherheit. Fragmentierte Eigentumsstrukturen sowie alternde und zunehmend urban lebende Waldbesitzer beschränken zudem die aktive Bewirtschaftung.
Empfohlen werden klimatolerante Baumarten, hochwertiges Vermehrungsgut und eine adaptive Waldbewirtschaftung. Private Waldbesitzer müssten stärker beraten und in die Bewirtschaftung eingebunden werden. Gleichzeitig soll die Holzindustrie ihre Beschaffungsstrategien diversifizieren und Innovationen stärker vorantreiben.
Digitale Waldüberwachung und engere Kooperationen zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik sollen die Anpassungsfähigkeit erhöhen. Weitere Potenziale liegen in neuen Holzprodukten, Kaskadennutzung und kreislauforientierten Geschäftsmodellen.
Entscheidend sind kohärente politische Rahmenbedingungen: Forstwirtschaft, Industrie, Wissenschaft und Politik müssten Strategien gemeinsam entwickeln. Ziele sind resiliente Wälder, eine langfristig sichere Holzversorgung und eine wettbewerbsfähige Forst- und Holzwirtschaft. So lässt sich die Rohstoffversorgung sichern, ohne Klima- und Biodiversitätsziele gegeneinander auszuspielen.