ELISABETH JOHANN IM INTERVIEW    

„Frei wie ein Vogel im Wald"

Ein Artikel von Robert Spannlang | 07.10.2025 - 09:31

Werte Frau Dr. Johann, wie kam es denn zu Ihrer Berufswahl?
Die war eigentlich vorgegeben. Wir haben einen Forstbetrieb und meine Eltern haben immer gesagt: Du wirst das wohl weitermachen. Ich habe noch drei Schwestern, aber die haben ganz andere Talente gehabt. Es war wohl auch ein wenig Pflichtbewusstsein, so einen Betrieb weiterzuführen. Irgendwie war ich schon immer gerne draußen in der Natur und bin ja auch da aufgewachsen.

Sie haben in den 1950er-Jahren Forstwirtschaft studiert. Bei wem haben Sie denn zum Beispiel die Waldbauprüfung abgelegt?
Bei Prof. Franz Bauer in Freiburg. Ich habe die Hälfte meines Studiums in Freiburg im Breisgau gemacht. Ich habe vier Semester in Wien studiert, aber da hat es mir überhaupt nicht gefallen, weil das so schulmäßig war damals und das, was mich eigentlich interessiert hat, etwa Naturwissenschaften und Waldbau, waren irgendwie Nebenfächer. Das Hauptsächliche, was damals unterrichtet wurde, war Technik – also Forsttechnik, Darstellende Geometrie, Baustatik und Vermessungswesen. Die Kollegen waren sehr nett, aber es hat mir einfach keine Freude gemacht. Man muss doch einen Beruf haben, der einen irgendwie erfüllt. Und so bin ich nach Freiburg gegangen und da hat mir das viel besser gefallen! Ich wollte erst nur ein, zwei Semester dahin, aber es wurde dann mehr draus und ich habe dort meinen Abschluss gemacht. Die hatten schon damals einen Fokus auf jene ökologischen Fächer, die mich so interessiert haben, also zum Beispiel Bodenkunde, Standortkunde und natürlich auch Waldbau. Promoviert habe ich dann im Fachgebiet der Forstgeschichte in Freiburg bei Prof. Kurt Mantel. Das war auch praktisch, denn das Thema der Dissertation war die „Waldnutzung in Kärnten unter dem Einfluss der Berg-, Hütten- und Hammerwerke“. Die konnte ich also im Wesentlichen im heimatlichen Kärnten schreiben und hatte so weniger Kosten. Meine Forschungen habe ich im Wesentlichen im Kärntner Landesarchiv und im Hofkammerarchiv Wien gemacht.

Wurde man damals als Frau denn überhaupt erst mit einem Doktorat in einer Männerdomäne ernst genommen?
Nein, gar nicht! Ich habe das Doktorat deshalb gemacht, weil ich das Gefühl hatte, von vielem etwas, aber in keinem Fach etwas gründlich zu wissen. Später hat sich dann schon herausgestellt, dass das eigentlich auch ein ganz großer Vorteil ist, denn ich habe verschiedene Dinge in meinem Leben gemacht und konnte immer eine Schublade aufziehen und hatte diese Vorbildung und diese Gesamtschau von Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Ich hatte damals den Eindruck vielleicht auch, weil ich so schnell studiert habe. Jedenfalls wollte ich ein Fach vertiefen – und das war eben die Forstgeschichte. Ursprünglich hätte ich mir auch das Gebiet der Bodenkunde vorstellen können. Und da habe ich meine einzige, echte Diskriminierung als Frau erlebt. Ich habe da an dem Institut etwa eineinhalb Jahre gearbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft. Als ich dann angefragt habe, ob ich hier promovieren könne, hieß es schlicht: „Wir nehmen keine Frauen, die heiraten und machen ihre Arbeit nicht fertig.“ Das hat mich schon gekränkt. 

Ich hab damals bei den Forstfrauen mitgemacht, weil ich neugierig war und ich ja immer in einer Männerwelt gelebt habe. Ich wollte erfahren, wie das ist das, in einer Frauenwelt zu sein.


Dr. Elisabeth Johann, Forstwirtin, Forsthistorikerin und Waldpädagogin

Gab es für Sie Leitfiguren oder Vorbilder in der Forstwirtschaft, die Sie geprägt haben? 
Es gab in Freiburg damals Vorlesungen von Professor Marquardt über Virenforschung, das war damals ganz neu. Das hat mit Forstwirtschaft zwar nur am Rande zu tun gehabt, aber das war natürlich hoch interessant. Dann gab es in Wien an der BOKU noch den Professor Josef Kisser, der Botanik unterrichtet hat, der mich auch beeindruckt und geprägt hat.

Naturvermittlung ist Ihnen offensichtlich ebenso ein großes Anliegen. Seit wann sind Sie Waldpädagogin? 
Wir sahen im Kärntner Forstverein die Herausforderung, dass viele Leute im Wald ein falsches Verhalten an den Tag legten. Es gab wenig Wissen über die Forstwirtschaft. Wir waren uns einig, wir brauchten mehr Öffentlichkeitsarbeit für den Wald. Und der damalige Präsident des Kärntner Forstvereins, Fürst Orsini-Rosenberg, schaut sich um und sagt zu mir: „Sie machen das.“ Und dann haben wir in einer Arbeitsgruppe verschiedene Zielgruppen definiert – Touristen, Freizeitsportler und eben auch Kinder und die Jugendlichen. Dann gab es in Wien einen Arbeitskreis Umwelterziehung, die haben verschiedene Kurse über Methoden der Wissensvermittlung angeboten wie etwa durch Spiel, Bewegung und Wecken von Emotionen. In der Folge haben wir Seminare für Forstleute in Kärnten organisiert unter dem Titel „Öffentlichkeitsarbeit für den Wald“ – den Begriff „Waldpädagogik“ gab es damals noch gar nicht. Dazu haben wir Referenten aus Wien eingeladen. Das ist ja nicht selbstverständlich, dass sich Forstleute die Schuhe ausziehen, um dann barfuß blind durch den Wald und durch einen Bach zu gehen. Da gab es eben manche, die dafür ganz begeistert waren und manche, die damit nichts anfangen konnten. Zu dieser Zeit haben der kürzlich verstorbene Fritz Wolf und Albert Botka das Konzept der Waldpädagogik aus der Schweiz mitgebracht. So hat sich das langsam entwickelt. Bald gab es eine Plattform Waldpädagogik und aus dieser Plattform ist dann der Verein entstanden. Es ist eine sehr schöne, erfüllende Arbeit!

Sie sind ja auch Gründungsmitglied der Forstfrauen, die sich als Verein 2001 konstituiert haben. Was wurde denn in dieser Zeit für die Frauen in der Forstwirtschaft erreicht? 
Enorm viel – besonders in den vergangenen Jahren! Ich hab das damals mitgetragen, weil ich neugierig war, weil ich ja immer in einer Männerwelt gelebt habe und erfahren wollte, wie das ist das, in einer Frauenwelt zu sein. Früher war das Misstrauen, ob eine Frau das könnte oder nicht, sehr groß – vielleicht weniger in der Forschung, aber jedenfalls bei der praktischen Umsetzung, also draußen als Forstamtsleiterin zum Beispiel. Ich hätte etwa auch gerne so eine Ausbildung als Referendarin gemacht, weil ich das wahnsinnig spannend fand, in die verschiedenen Bereiche hineinzuschnuppern, aber das war damals einfach undenkbar. Heute haben wir Elfriede Moser als Sektionschefin. Ich bin keine Feministin in dem Sinn, dass man sagt, es müssen unbedingt Frauen sein. Aber ich denke mir, unser Geschlecht sollte schlicht keine Rolle spielen für die Besetzung einer Position, sondern allein die Qualifikation. Es ist heute nichts mehr denkbar, was eine Frau nicht erreichen könnte. Im Allgemeinen glaube ich, haben Frauen diese sogenannte gläserne Decke durchstoßen. Und das wurde eigentlich alles in meinem Leben erreicht.

Gab es für diese Forstfrauen in Österreich zur Zeit der Vereinsgründung international irgendeine Vereinigung von Forstfrauen, die euch inspiriert hat?  
1995 war ich in Tampere auf dem IUFRO-Weltkongress. Da hab ich auch das erste Mal davon gehört, dass es in Skandinavien eine Forstfrauenvereinigung gab. Die hatten anlässlich dieses Kongresses auch Veranstaltungen. Damals war das völlig neu für mich. Bei uns war das aber vor allem die Idee von Hermine Hackl und Dagmar Karisch-Gierer, der Männergesellschaft ein Frauen-Netzwerk entgegenzusetzen.

Wenn man dann etwas lang mit Begeisterung gemacht hat und die Leute merken, da hat sich was bewegt, weil jemand die Initiative ergriffen hat, dann kommt auch die Anerkennung.


Dr. Elisabeth Johann, Forstwirtin, Forsthistorikerin und Waldpädagogin

Sie sind vielfach ausgezeichnet worden: Forsträtin Honoris causa, die Distinguished Service Award IUFRO anlässlich des Weltkongresses in Stockholm. Worin, denken Sie, besteht nun ihr persönlicher Beitrag für die Forstwirtschaft? Worauf sind Sie am meisten stolz?
Nun, „stolz“ ist der falsche Begriff. Ich glaube, diese Auszeichnungen kommen einfach, wenn man älter ist. Ich hatte das Privileg, dass ich selbstständig war mit Ausnahme der Zeit, als ich Professorin in Freiburg an der Uni Forstgeschichte unterrichtet habe. Es hat mir dort zwar sehr gefallen, aber länger konnte ich aus persönlichen Gründen nicht bleiben. Wenn man selbstständig ist, hat man einen großen Vorteil, dass man das tun kann, was man wirklich möchte oder woran man Interesse hat. Natürlich ist das mit viel Arbeit verbunden und meist waren es mehr als nur acht Stundentage. Anderen Leuten zu vermitteln, wie wichtig der Wald ist für die Gesellschaft, für das Leben und Überleben, war mir eigentlich immer ein ganz großes Anliegen. Und ich glaube, diese ganze Anerkennung kommt daher, dass man sich dafür engagiert und nicht unbedingt Geld dafür bekommt. Ich habe mich beispielsweise sehr für Green Care eingesetzt, als Nicole Propp diesen Ansatz von Mensch und Natur zum Wohl der Gesellschaft in Österreich einführte. Über sie ist dieses Konzept, körperlich und psychisch beeinträchtigte Menschen in die Natur zu bringen und an Tätigkeiten heranzuführen, aus dem agrarischen Bereich in die Forstwirtschaft gelangt. Wenn man dann etwas lang mit Begeisterung gemacht hat und die Leute merken, da hat sich was bewegt, weil jemand die Initiative ergriffen hat, dann kommt auch die Anerkennung. Anfangs sind wir mit der Green Care-Idee für den Wald an Mauern gestoßen. Aber der damalige Sektionschef, Gerhard Mannsberger, hat diese Idee aufgegriffen und so wurde sie zum Erfolg. Solche Ehrungen kommen dann manchmal in der Folge. Und weil ich nirgendwo angestellt war, konnte ich das auch weiterverfolgen. 

Wo liegt Ihr eigener Wald, wie groß ist er, wie ist er aufgebaut? Und vor allem: Merkt man ihm an, dass er über zwei Generationen schon von Frauen bewirtschaftet worden ist?
Also, jetzt merkt man ihm das sicher nicht mehr an! Wir hatten nämlich 2017 einen ganz großen Sturm, der zu großflächigen Schäden geführt hat. Mein Sohn bewirtschaftet inzwischen unseren Wald, er hatte unglaubliche Mühe, das wieder in Ordnung zu bringen. Es ist jetzt an vielen Stellen ein junger Wald. Es war vorher schon ein wunderschöner Mischwald gewesen: Buche, Lärche, Tanne, Fichte, Ahorn, alles lag innerhalb von vier Stunden am Boden, alt oder jung ganz egal! Deswegen bin ich da sehr skeptisch gegenüber dem Wort „klimafitter Wald“, denn das war sicher keine Monokultur! Ich weiß nicht, ob man es dem Wald ansieht, ob er von einem Mann oder einer Frau bewirtschaftet wurde. Wir hatten einen Förster, der schon bei meinem Großvater gearbeitet hat. Der hat sich immer schon sehr für naturnahe Waldwirtschaft interessiert. „Wie kann man das oder jenes machen? Frag‘ mal an der Uni, Elisabeth, wie geht das?“, hat er mich immer gefragt, als ich noch studiert habe. Der hat damals schon in den 1960er-Jahren gesagt: Könnte es nicht vielleicht die Luftverschmutzung sein, dass die Tanne kaputtgeht? Es gibt ja so viele Flugzeuge da oben, die da drüber fliegen.“ Es ist eigentlich immer das persönliche Engagement, einen Wald zu bewirtschaften, worauf es ankommt. Ich wohne ja in einer Region, die früher im 18. und 19. Jahrhundert sehr stark durch die Eisenindustrie geprägt war. Es ist eines von diesen schmalen Karawankentälern mit sehr steilen Hängen – sehr wüchsig, weil es ein Kalkboden ist, aber sehr schwer zu bewirtschaften. Im 18. Jahrhundert gab es dort einige Hammerwerke und die haben sehr viel Holzkohle gebraucht. Der Energiehunger war sehr, sehr groß. Man hat zwar dann immer wieder aufgeforstet, aber ich hab mir einmal die Forstkarte von 1928 hergenommen und mir überlegt, wie das Tal um 1850 wohl ausgesehen haben mag. Da waren alle Hänge entweder kahl oder mit Jungwald bestockt. Innerhalb von 100 Jahren hatte man ziemlich die Ressourcen ausgeschöpft, so hoch war der Energiebedarf damals. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Zeit, in der man versucht hat, die stark genutzten Wälder aufzuforsten, zu pflegen und die Bewirtschaftung neu zu planen. Mein Großvater hat sich sehr darum bemüht, wenngleich viele Aufforstungen dem damaligen Stand der Wissenschaften nach mit Fichte erfolgten. Sein früher Tod nur ein Jahr, nachdem das Gebiet in Südkärnten wieder frei zugänglich wurde, die schlechte Lage der Forstwirtschaft in der Nachkriegszeit und die Weltwirtschaftskrise haben bewirkt, dass der ehemals große Betrieb in Konkurs ging. Meine Mutter hat sich seit dem Antritt ihres Erbes Anfang der dreißiger Jahre bemüht, den Betrieb wieder aufzubauen, einen ausgeglichenen Vorrat herzustellen und wieder einen gesunden Betrieb daraus zu machen. Und das ist er auch! Aber es war eben sehr viel Aufbauarbeit, auch von meiner Mutter notwendig, die ich dann fortgesetzt habe. Heute ist unser Betrieb etwa 750 ha groß.

Das ist auch heute noch eine imposante Größe!
Wir hatten früher viele Mitarbeiter, weil wir noch ein Sägewerk hatten. Aber das hat schon meine Mutter geschlossen. Als ich studiert habe, haben noch 30 Familien davon gelebt. Jetzt macht das mein Sohn alleine mit Forstunternehmern – mehr ist nicht drinnen! So hat sich auch die Forstwirtschaft geändert innerhalb dieser Zeit. Das betrifft ja nicht nur uns, sondern es betrifft die ganze Forstwirtschaft. Und dazu kommen jetzt noch die Probleme, die die Klimaänderung verursachen.

Einen schönen Sonnenuntergang oder einen besonders schönen Baum zu sehen kann ja auch was wirklich Beglückendes sein. Mit anderen Worten: Die Kunst, das Leben positiv zu sehen, will auch erlernt sein.


Dr. Elisabeth Johann, Forstwirtin, Forsthistorikerin und Waldpädagogin

Wenn Sie über die Jahrzehnte Ihrer beruflichen Tätigkeit zurückblicken, wie stark hat sich die Forstwirtschaft insgesamt in dieser Zeit gewandelt?
Ja, es gab natürlich ganz viele Veränderungen! Damals, wie ich angefangen habe, war das eigentlich noch eine ganz große Aufbauarbeit. Die Waldinventur 1960-61 hat ergeben, dass sehr viele Flächen durch den Krieg verwildert waren, es gab große Aufforstungsrückstände, zum Teil Überschlägerungen. Zum Teil waren die Bestände uralt, weil schlecht zugänglich. Das hat sich damals natürlich ungeheuer verändert. Auf der Technikseite hat sich auch sehr viel getan, wenn ich nur an den Straßenbau denke, der vielfach so gescholten wird. Ohne den gäbe es überhaupt keine Forstwirtschaft mehr in Österreich. Das waren ganz hohe Investitionen, die sich aber auch gelohnt haben. Was jeder Einzelne spürt, ist, dass Holzproduktion heute ein Mehraufwand ist und der Ertrag ist wesentlich geringer geworden. Was mich besorgt macht – und nicht nur mich – ist, dass es weniger Menschen auf der Fläche gibt, die den Wald im Auge haben und Veränderungen beurteilen können. Es können auch die modernen Drohnen, die sicher sehr hilfreich sind für die große Information, nicht sehen, was am Boden passiert und das wäre ja ungeheuer wichtig! Man hat einfach mit mehr Personal gründlicher und sorgfältiger bewirtschaften können, und das ist heute einfach nicht mehr möglich. Denn ich kann nicht alles vom Schreibtisch aus machen, nicht so lange nicht jeder einzelne Baum einen Chip hat und ich in der Früh im Computer sehe: Aha, dieser Baum hat einen Borkenkäferbefall, und dann drücke ich auf den Knopf, er fällt um und kommt alleine aus dem Wald heraus. Es gibt immer weniger Österreicher, die Waldarbeit machen. Also bedienen wir uns praktisch wie Kolonialherren beim Forstpersonal aus Ländern, die ärmer sind. Das sind die inneren, hausgemachten Probleme, die wir haben. Herausforderungen wie die Entwaldungsverordnung von der EU kommen dann noch dazu. Die finanziellen Rahmenbedingungen werden immer enger. Und dadurch fehlt auch die Lust der Waldbewirtschaftung. Ich meine hier vor allem den bäuerlichen Bereich. Die Leute arbeiten woanders, weil sie vom Wald nicht mehr leben können! Früher konnten sie das. Sie haben nicht die nötigen Ressourcen, jemanden anderen dazu anzustellen. Wenn dann noch Windwürfe oder Schneedruck hinzukommen, sind manche überfordert und es kommt zu massenhaften Schädlingsvermehrungen wir etwa zurzeit im Mölltal, die kaum bewältigbar sind. Immerhin gibt es ja in Österreich sehr viel kleinbäuerlichen Privatwald. Und da kommt jetzt die Entwaldungsverordnung und anstatt dass man in Österreich versucht, wie man das am einfachsten lösen kann, damit jeder zurechtkommt, jammern wir alle nur darüber. Ich würde mir wünschen, dass die Landwirtschaftskammern ihre ganzen Ressourcen einsetzen, um zu sehen: Wie kann man diese Entwaldungsverordnung möglichst einfach machen? Sie haben ja alle Daten und wissen, wo jeder Baum steht! Jedes Jahr werden wir von der Behörde kontrolliert und man muss um Nutzungsbewilligungen ansuchen. Also wir haben alle diese Grundlagen. Warum bündelt man nicht die Ressourcen, damit man das möglichst einfach lösen kann? Denn so eine Entwaldungsverordnung macht an sich schon Sinn, aber sie müsste einfacher umgesetzt werden können. 

Die Regularien aus EU stoßen ja in der Forstwirtschaft auf wenig Gegenliebe ...
Ja, aber ich glaube eben, dass die Forstleute ohnehin schon immer der Meinung waren, sie wissen ohnehin, wie es geht und dass sie sich das von jemandem anderen schon gar nicht gerne vorschreiben lassen. Aber dann darf die EU gerne der Sündenbock für vieles sein. Ich habe während der Zeit, als das EU-Referendum abgehalten wurde, im Umweltbereich gearbeitet. Damals, in den 1990er-Jahren, gab es wirklich ein ganz großes Engagement für Umweltschutz. Da hatte ich die Befürchtung, dass Umweltstandards in der EU nach unten angepasst werden würden. Seit damals hat sich das stark gewandelt. Jetzt gehören wir bei Umweltthemen eher zu den Bremsern und in den 1990er Jahren waren wir eigentlich in Österreich die Vorreiter. Deshalb denke ich mir, diese Bestimmungen machen schon Sinn! Aber die Forstwirtschaft hat nicht die Ressourcen, alle diese Bestimmungen wirklich umzusetzen, weil es eben zu wenig Personal gibt. Das hat auch mit dem geringen Verdienst im Forst zu tun. Alle diese sogenannten „außerwirtschaftlichen Leistungen“ wie etwa Bereitstellung von Wasser, Naturschutz, Biodiversität, Erholung werden noch immer von unserer Gesellschaft erwartet – ohne, dass sie etwas dafür zu bezahlen bereit wäre. Ein Beispiel: Vor vielen Jahren sollten ungefähr zwei Drittel unseres Betriebes als Wasserschutzgebiet ausgewiesen werden, und zwar als „Karst Außenzone“ nach dem Kärntner Landesgesetz. Das habe ich damals gerichtlich bekämpft, weil es keinen finanziellen Ausgleich für unsere Einschränkungen in der Bewirtschaftung gegeben hätte. Dabei haben wir auf unserem Grund gar keine einzige Quelle! Die Quelle kommt auf der anderen Seite des Berges heraus. Wir hätten also nicht einmal von einem Wasserverkauf etwas gehabt. So kann das einfach nicht sein! Und wenn diese Verordnungen alle so sind, dass nur noch mehr Belastungen kommen, dann wird sich die Waldbewirtschaftung in Österreich irgendwann mal überhaupt nicht mehr rechnen. Diese Zeiten gab es ja in den 1920er- und 30er-Jahren, als ertragsunabhängige Abgaben auf den Grundbesitz gelegt wurden. Es waren eine progressive Grundsteuer und alle möglichen anderen Abgaben, die nichts mit dem Ertrag zu tun hatten! Wenn ich viel verdiene, kann ich auch viel Steuern zahlen, aber wenn ich nichts verdiene, ja dann, dann kann ich keine Steuern zahlen. Und da haben die Bauern hier in Kärnten gesagt: „Wir werden das Holz vor die Landesregierung bringen und dort abladen und dann kann das Land versuchen, das Holz zu verkaufen und davon die Grundsteuer decken!“ Also langsam wird es wieder so ähnlich. Eine Verbesserung der Natur und der Landschaft und der Bodenqualität ist ungeheuer wichtig. Das ist der Wunsch der Gesellschaft und die Leute, die am Land wohnen und das umsetzen, sind wirklich nicht die reichsten. Da müsste es schon einen gesellschaftlichen Ausgleich geben.

Zum Abschluss noch die Frage: Haben Sie denn ein Lebensmotto oder ein Credo, das Ihnen in Ihrer vielfältigen Tätigkeit Kraft oder Motivation gegeben hat?
Ich denke immer: Das Wasserglas ist halb voll und nicht halb leer. Ja, das ist so ein Antrieb für mich, für ganz viele Dinge. Und dann einfach auch der Wunsch, jeden Tag die schönen Dinge des Lebens zu sehen. Einen schönen Sonnenuntergang oder einen besonders schönen Baum zu sehen kann ja auch was wirklich Beglückendes sein. Mit anderen Worten: Die Kunst, das Leben positiv zu sehen, will auch erlernt sein. Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, mich von Negativem nicht beeinflussen oder bestimmen zu lassen. Ich lebe gerne, vielleicht macht das auch was aus. Und so versuche ich eben, die Schönheiten des Lebens zu sehen, oder auch jeden Augenblick zu genießen. Je älter ich werde, desto mehr fasziniert mich dieses Ineinanderspielen von verschiedenen Abläufen in der Natur – bei Tieren, bei Menschen, bei den Pflanzen, dass das so funktioniert, ist etwas für mich, das eigentlich immer unbegreiflicher wird.

Liebe Frau Dr. Johann, vielen Dank für das Gespräch!