Der Klimawandel zählt zu den größten Herausforderungen unserer Epoche, extreme Naturkatastrophen belasten bestehende Schutzsysteme sowie den Schutzwald bis an die Grenzen ihrer Wirkung und erfordern vordringliche Anpassungsmaßnahmen. Die internationale Konferenz INTERPRAEVENT, die von 10. bis 13. Juli in der Wiener Hofburg Wien stattfand, veranstaltet von der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) in Kooperation mit den führenden Institutionen des Naturgefahrenmanagements in Österreich, befasste sich mit der Frage, wie in einem sich verändernden Klima nachhaltiger Schutz vor Naturgefahren entwickelt werden kann. 500 Experten aus rund 25 Ländern diskutierten im Rahmen der Tagung über Strategien, Schutzkonzepte und neue Technologie für die Risikovorsorge. Die INTERPRAEVENT ist die größte interdisziplinäre Tagung in Europa, die Wissenschaft und Praxis zum Generalthema Naturgefahrenvorsorge vereint.
Der Forschungsgesellschaft INTERPRAEVENT mit Sitz in Klagenfurt ist eine internationale Vereinigung, die sich seit 1968 international mit dem Thema Naturgefahrenmanagement und Risikovorsorge auseinandersetzt. Die Fachrichtungen sind bei dieser Veranstaltung ebenso international wie interdisziplinär: Die teilnehmenden Länder umfassten sämtliche Alpenländer sowie Norwegen, Schweden, Japan, Kanada, Südkorea, China, Nepal, Neuseeland, Georgien und Taiwan. Auf der Konferenz in Wien trafen sich Experten aus den Bereichen Wildbach- und Lawinenverbauung, Hochwasserschutz, Geowissenschaften, Raumplanung, Forstwirtschaft, Sozialwissenschaften und Ökologie. Auch führende Persönlichkeiten aus Politik und Verwaltung nutzten die Veranstaltung in der Hofburg in Wien zum Erfahrungsaustausch und brachten sich mit richtungsweisenden Diskussionsbeiträgen ein.
Die Konferenz umfasste rund 45 hochkarätige Fachvorträge in deutscher und englischer Sprache in sechs Fachsessionen sowie rund 180 wissenschaftliche Poster. Außerdem wurden fünf Fachworkshops zu Schwerpunktthemen angeboten. Ein Livestream ermöglichte allen Experten, die nicht nach Wien kommen konnten, eine direkte Teilnahme an der Konferenz, ebenso den Teilnehmern eine Nachschau interessanter Beiträge.
Sektionschefin Elfriede Moser, im Bundesministerium zuständig für Forstwirtschaft sowie Wildbach- und Lawinenverbauung, betonte in ihrem Eröffnungsvortrag die Bedeutung der forstlichen Ingenieurtechnik und die internationale Verbindung zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Praxis. Sie zeigte die großen Herausforderungen zur Erhaltung der Schutzwirkung des Bergwaldes im Klimawandel auf und stellte gleichzeitig eindrucksvoll dar, wie Österreich für die zahlreichen Katastrophen durch Sturm, Borkenkäfer und Naturgefahren vorbereitet ist. Die Schlüsselrolle der Wildbach- und Lawinenverbauung als der forsttechnische Kompetenzträger zwischen Schutzwaldmanagement und Naturgefahrenvorsorge stellte sie dabei in den Fokus der Aufmerksamkeit. Sie betonte außerdem die führende Rolle Österreichs in diesem Fachbereich und die alternativenlose Bedeutung der internationalen Kooperation zur Bewältigung der Klimafolgen im Risikomanagement.
Daten und Fakten im Gastgeberland Österreich
Die WLV erbringt in Österreich mit rund 1100 Mitarbeitern und einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 200 Mio. € enorme Leistungen zum Schutz der Gesellschaft. Im gesamten Naturgefahrenmanagement setzt die WLV jährlich im Rahmen ihrer Projekte 800 Baufelder um und betreut in den 14.000 Wildbach- und Lawineneinzugsgebieten rund 200.000 Schutzbauwerke. Für rund 1400 Gemeinden liegen Gefahrenzonenpläne vor, die durchschnittlich alle 12 Jahre überarbeitet werden müssen. Auf deren Grundlage erstatten die Dienststellen der WLV jährlich rund 12.000 Fachgutachten.
Der digitale Wildbach- und Lawinenkataster umfasst sämtliche Geoinformationen zu diesen Kernleistungen und steht den österreichischen Gemeinden als umfassendes Informationsinstrument für ihre Sicherheitsaufgaben zur Verfügung. Die WLV unterstützt weiters die Umsetzung wichtiger forstlicher Fachtools wie den Waldatlas (waldatlas.at) oder die Hinweiskarte Schutzwald. Mit dem Aktionsprogramm „Wald schützt uns“ hat die österreichische Bundesregierung ein umfassendes Maßnahmenprogramm für die nachhaltige Sicherung der Schutzwälder erarbeitet. Elfriede Moser dankte in ihrer Rede dem gesamten Organisationsteam für die Vorbereitung und die exzellente fachliche Ausrichtung des internationalen Fachkongresses zum Schutz vor Naturgefahren in der Wiener Hofburg.
Auch das Umweltbundesamt war ein wichtiger Kooperationspartner und Mitveranstalter der INTERPRAEVENT. Verena Ehold führte in ihrem Eröffnungsstatement aus: „Klimaschutz gelingt nur auf globaler Ebene. Die internationale Konferenz INTERPRAEVENT trägt dazu bei, diese globalen Herausforderungen gemeinsam zu meistern und zusätzlich auch Chancen im Bereich der Klimawandelanpassung und des Schutzes vor Naturgefahren zu nutzen. Denn unser aller Ziel ist es, Menschen und ihren Lebensraum zu schützen. Das Umweltbundesamt und die Wildbach- und Lawinenverbauung pflegen in diesem Bereich bereits eine ausgezeichnete, langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit.“
Forstliche Themen
Der Schwerpunkt der Konferenz lag in der Wissensvermittlung im Rahmen von Fachvorträgen, Posterpräsentationen und Exkursionen. Damit konnten neueste wissenschaftliche Ergebnisse in die Praxis übertragen werden. Thematisch wurde unter anderem über Steinschlag, Starkregenereignisse und Sturzfluten, Muren und Bergstürze, Waldbrand, Lawinen und Permafrostauflösung und Gletscherrückgang, aber auch über Messtechniken und Monitoring, moderne Instrumente der Fernerkundung, die Modellierung von Gefahrenprozessen sowie die Bewältigung von Naturkatastrophen referiert. Zudem ergänzten Workshops zu den Themen Raumplanung und Gefahren, Waldbrand, Muren- und Lawinenmodellierung sowie zum Einsatz von Radarinterferometrie für die Detektion von Hangbewegungen das umfangreiche Programm.
Hervorzuheben war der Schwerpunkt an forstlichen Themen zum Schutzwald, zum Waldbrand sowie zur Bewirtschaftung von bewaldeten Einzugsgebieten. In Österreich ist es selbstverständlich, dass das Thema Naturgefahrenmanagement thematisch eng mit dem Schutzwald und der Schutzwaldbewirtschaftung verbunden ist, weltweit ist das nicht überall so. In den Alpenländern herrscht jedoch eine große Übereinstimmung der Schutzkonzepte und Strategien für die Klimawandelanpassung und den Aufbau klimafitter Schutzwälder. Aus forstlicher Sicht war der Keynotevortrag von Dr. Michaela Teich vom Bundesforschungszentrum für Wald (BWF) hervorzuheben, welche sich intensiv mit der Frage der Schutzwaldbewirtschaftung nach flächigen Katastrophen auseinandersetzte. Zielsetzung des Naturgefahrenmanagements im Schutzwald ist es, die sogenannte „Schutzlücke“ so kurz als möglich zu halten, also jene Entwicklungsphase, in der der Schutzwald nach Schadereignissen und bis zur erfolgreichen Wiederbewaldung keine oder nur unzureichende Schutzwirkung ausübt. Dieser Zeitraum muss gegebenenfalls durch technische Maßnahmen überbrückt oder durch Aufforstung verkürzt werden. Das Beräumen von großen Schadflächen ist hier mehr als nur zu hinterfragen, wichtig ist das Belassen von Raubäumen und hohen Stöcken auf der Fläche.
Kompetenz und Hoffnung
Mit einer Abendveranstaltung („Galadinner“) im Palmenhaus im Burggarten wurde das Programm abgerundet. Bundesminister Norbert Totschnig übernahm die Patronanz dieses Events und wies in seiner Begrüßungsansprache auf die umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema Naturgefahren hin. Im Zuge dieser Veranstaltung überreichte er außerdem gemeinsam mit dem Präsidenten der INTERPRAEVENT, Norbert Sereinig, den IP24 Student Award an Dr. Alejandra Jiménez Donato von der Universität Wien, die im Bereich des Monitorings von Rutschungen in der Flyschzone in Niederösterreich forscht. Die Preisträgerin ist ein Paradebeispiel einer jungen Wissenschaftlerin, die von der geballten Naturgefahrenkompetenz der Universitätsstadt Wien profitiert; ihre Auszeichnung unterstreicht das Alleinstellungsmerkmal der Konferenz mit Schwerpunktprogrammen für Studierende und Frauen im Katastrophenmanagement. (Das Netzwerk „Women for Disaster Risk Reduction“ (we4DRR) war einer der wichtigen Kooperationspartner der Konferenz.)
Generell war festzustellen, dass das Naturgefahrenmanagement viele unterschiedliche Aspekte in sich trägt. Nüchtern betrachtet könnte man sich angesichts der dramatischen Erderhitzung und zunehmender Extremereignisse vor der Zukunft fürchten, doch die diesjährige Konferenz verleiht Hoffnung. Aus den vielen Fachbeiträgen wurde deutlich, wie viel Kompetenz und konstruktive Ansätze es in den Teilnehmerländern gibt, um die Herausforderung anzunehmen und Lösungen für Klimaanpassung im Naturgefahrenmanagement anzubieten. Zwei rote Fäden ziehen sich aber durch die gesamten Themen: Es gibt keine absolute Sicherheit gegen Naturgefahren und der Schutzwald ist unsere Basissicherung im Alpenraum.