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Naturverjüngung mehrerer Baumarten in Sandra Tuiders Forstbetrieb macht Schule. © R. Spannlang/Forstzeitung

Forstbetrieb des Jahres

Eine heile Welt kann bucklig sein

Ein Artikel von Robert Spannlang | 26.11.2025 - 11:28

Wer Wien über die Autobahn entflohen ist und diese bei Seebenstein verlassen hat, findet sich hinter dem schroffen Berg mit der ehrfurchtgebietenden gleichnamigen Ruine an seiner Spitze plötzlich in einer völlig anderen Welt wieder. Ein paar Kilometer weiter im Schlattenbachtal gelangt jener „Stadtflüchtling“ schließlich in den beschaulichen Ort Thernberg. 

Im orangegelben Forsthaus am Markt treffe ich Sandra Tuider, Besitzerin einer Waldfläche von knapp 400 ha im Gemeindegebiet von Thernberg. Der Waldbesitz der Familie Tuider geht auf die 1930er-Jahre zurück, als ihr Urgroßvater das Areal in der Buckligen Welt erwarb. Über einige Jahrzehnte ist das Gelände hinter dem ehrwürdigen Forsthaus für die Forstpflanzenproduktion verwendet worden. Heute bewirtschaftet Sandra Tuider ihren Betrieb seit gut 25 Jahren in vierter Generation – und mit einem unterschiedlichen waldbaulichen Zugang.

Erfolgreich in der Galerieszene
Davor hatte die gebürtige Wienerin eine ganz andere berufliche Laufbahn verfolgt: Nach dem Studium der Kunstgeschichte arbeitete sie in der Galerieszene und organisierte über viele Jahre internationale Ausstellungen für Kunstgrößen wie Alfred Hrdlicka. Der Übernahme des Forstbetriebs folgte eine gründliche Ausbildung zur Forstfacharbeiterin und schließlich zur Forstwirtschaftsmeisterin – ein Schritt, den sie heute rückblickend als „völlig naiv“ bezeichnet. Diese persönliche Neuorientierung unterstreicht aber eine zentrale Botschaft: Waldwirtschaft kann mehr sein als Holzproduktion – sie kann in Dialog treten mit Ökologie, Bildung und der Gesellschaft allgemein. 2014 erhielt Sandra Tuider für ihre Errungenschaften als Waldbewirtschafterin, Interessenvertreterin und Kommunikatorin in Sachen forstlicher Nachhaltigkeit den Staatspreis für vorbildhafte Waldbewirtschaftung.

Ein Kernprinzip ihres Betriebs lautet: „Es soll vor allem das am Standort wachsen, was die Natur dort selbst hervorbringen will.“ Für Sandra Tuider bedeutet das: Der Wald muss sich durch Naturverjüngung vor allem selbst regenerieren. Nur ein einziges Mal habe sie eine Ausnahme gemacht, erinnert sich Sandra Tuider: Auf dem feuchteren Teil ihres Bestands habe sie 30 Kirschbäume gepflanzt. Die schönen Eschen, die dort davor gestanden hatten, waren dem Eschentriebsterben zum Opfer gefallen. 

Je weniger ich dem Wald meinen Stempel aufdrücke, desto mehr arbeitet er für mich.


Sandra Tuider, Waldbesitzerin in Thernberg

Not wird zur Tugend
Die Stürme „Paula“ und „Emma“ im Jahr 2008 rissen eine Kalamitätsfläche von sieben Hektar in ihren Wald – eine Herausforderung, die Sandra Tuider in ein forstliches Experiment verwandelte: Gemeinsam mit Univ.-Prof. Eduard Hochbichler von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) wurden auf der Fläche schachbrettartig Parzellen angelegt, auf denen natürlich aufkommende Baumarten oder Kombinationen unterschiedlicher Baumarten „herausgepflegt“ wurden. Auf dieser Fläche mit mehr als 16 Baumarten zeigte sich: Vielfalt zahlt sich aus – die Mischung autochthoner Arten wie Eiche, Buche, Tanne, Lärche, Birke, Ahorn, Fichte und Kiefer sorgt für Resilienz gegenüber Extremwetter oder Schädlingen. Auf einer Eichenparzelle sei gerade Kiefer und Fichte entfernt worden, berichtet Sandra Tuider. Bald könne an eine Wertastung gedacht werden. Und im Birkenquadranten sei bereits der zweite Pflegeeingriff durchgeführt worden. „Es ist interessant, wie bei mir die Tanne besonders gut unter der Birke aufkommt. Und auch, dass die Brombeere das Aufkommen von Tanne und Ahorn eher begünstigt als behindert.“ 

Die Schadfläche war von Anfang an nicht eingezäunt worden. „Nachdem die Fläche fürs Erste geräumt war, wurde dort eine Schwerpunktbejagung durchgeführt. Ich habe fünf Abschussnehmer. Drei davon sind besonders waldaffin, denen muss ich nicht viel sagen. Ein Trophäenjäger ist kein einziger von ihnen“, merkt sie an. Bis heute sorgt Sandra Tuider dafür, an den Waldstandorten, an denen es ihr besonders auf eine rege Jagdtätigkeit ankommt, Schussschneisen vorzusehen und zu pflegen. „Das ist ein Geben und Nehmen“, beschreibt sie das konstruktive Miteinander. Durch diese Philosophie gelingt eine Waldwirtschaft, die weniger arbeits- und kostenintensiv in der Pflege ist und gleichzeitig den Wald in eine eigenständige Regeneration bringt. „Je weniger ich dem Wald meinen Stempel aufdrücke, desto mehr arbeitet er für mich“, so die Wahlniederösterreicherin. 

Ökonomie, Verbandstätigkeit und Bildung
Wirtschaftlichkeit bleibt dennoch unverzichtbar: Bereits ab dem zweiten Pflegeeingriff wird auf ihrem Betrieb durch den Verkauf von Brennholz ein Beitrag zum Betriebsergebnis erzielt. Der Austausch mit Holzwerbern und Wildabschussnehmern ist rege, und Aktivitäten, die Holzvermarktung betreffen, sind gut organisiert – unter anderem vom Waldverband Niederösterreich, dessen Vorstand Sandra Tuider seit 2011 angehört. Ihre Funktion im Verband nutzt sie, um kleineren Waldbesitzern den (Wieder-)Einstieg in die Bewirtschaftung zu erleichtern, etwa bei der Erschließung, der Bringung oder der Vermarktung – insbesondere, wenn diese wenig Erfahrung mit Forstwirtschaft haben. 

Parallel engagiert Tuider sich als Lehrende: Sie teilt ihre Erfahrungen als Waldbesitzerin im Rahmen von Seminaren zur Kleinwaldbewirtschaftung an der BOKU, betreut Exkursionen und ist als diplomierte Waldpädagogin tätig – mit Programmen für Schulklassen und internationale Besuchergruppen aus humanitären Kontexten. Diese didaktische Ausrichtung verbindet Praxis und Gesellschaft. Forstwirtschaft ist nicht mehr rein technisches „Geschäft“, sondern wird öffentlicher Lernort.

Herausforderung Klima
Der Klimawandel stellt den Wald vor neue Fragestellungen. In ihrem Betrieb beobachten Sandra Tuider und ihre Mitarbeitenden etwa vermehrte Hitzeperioden, frühzeitigen Laubabwurf oder vermehrte Stressanzeichen bei Baumarten wie Fichte. Die Antwort: Setzen auf Baumartenvielfalt, Stärkung der Habitatresilienz und vorausschauende Waldplanung. Sandra Tuider beschreibt diesen Zustand als einen „Wald im Marathon“ – denn die Maßnahmen heute betreffen sowohl aktuelle Frostereignisse als auch dauerhaft höhere Temperaturen in naher Zukunft. 

Für die Region, den Privatwald und die Branche ist der Ansatz von Sandra Tuider exemplarisch: Ein mittelgroßer Privatbetrieb, ein pragmatischer Wechsel von klassischen Bewirtschaftungsmethoden hin zu mehr Naturorientierung, verbunden mit Bildung, Netzwerk und Verantwortung. Und im Kern zeigt sich: Waldwirtschaft ist nicht nur Handwerk, sondern gesellschaftlicher Auftrag und strategische Zukunftsaufgabe.