Forstliche Zeitreisen

Ein Artikel von Severin Hohensinner, Gertrud Haidvogl, Karl Hohensinner, Elisabeth Wächter | 02.04.2026 - 10:42
Zeitreisen_Ortsnamen.jpg

Historisch nach Fichten benannte Orte in Oberösterreich sowie historisch nach Buchen benannte Orte in Tirol © BOKU / Hintergrundkarte: Geoland.at

Welche Baumarten lassen sich für historische Zeitperioden mit unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen belegen? An welchen naturräumlichen Standorten befanden sich diese Baumarten? Gab es Unterschiede bei historisch nach Baumarten benannten Orten, die warm- oder kaltzeitlichen Ursprungs sind?
Diese und andere Fragen standen im Zentrum der vom Waldfonds der Republik Österreich geförderten Grundlagenstudie (Projekt-Nr. 102047), die eine Rekonstruktion der historischen Veränderungen forstlich nutzbarer Baumarten im Kontext sich wandelnder Klimaverhältnisse zum Ziel hatte. Als Untersuchungsgebiete wurden aufgrund ihrer topografischen und klimatischen Unterschiede sowie der verfügbaren Grundlagendaten die Bundesländer Oberösterreich und Tirol ausgewählt. Die Untersuchungen basierten auf einer Vielzahl von Quellen: 

  • historischen Toponymen (Orts- und Flurnamen mit Baumartenbezug)
  • Archivbelegen
  • forstlichen und geografischen Daten
  • dendrochronologisch untersuchten Funden
  • klimatischen Rekonstruktionen

Historische Baumarten und Klimaphasen
Die Analyse stützt sich auf die Einteilung in verschiedene klimatische Epochen, insbesondere das Mittelalterliche Wärmeoptimum (rund 750 – 1000 und 1150 – 1250 / 1300 n. Chr.) sowie kältere Phasen dazwischen und danach.
In Oberösterreich zeigten sich in der ältesten mittelalterlichen Warmphase (750 – 1000 n. Chr.) hohe Anteile von nach Eichen, Buchen und Fichten benannten Orten. In der darauffolgenden Kaltphase (1000 – 1150 n. Chr.) war die Verteilung ausgeglichener, Eichen und Buchen kamen jedoch am meisten vor. Während der erneuten wärmeren Phase (1150 – 1250 n. Chr.) dominierten Buchen und Linden, in der allmählich kälteren werdenden Phase darauf (1250 – 1500 n. Chr.) traten hingegen Tannen stärker hervor. Nach 1500 gewannen Fichten an Bedeutung, während Buchen an Relevanz verloren. Insgesamt lässt sich in Oberösterreich somit eine Tendenz von Laub- zu Nadelbaumarten erkennen.
In Tirol war die zeitliche Einordnung der Toponyme weniger konsistent möglich. Die meisten datierbaren Toponyme stammten aus kälteren Klimaphasen, insbesondere 1100 – 1150 n. Chr., ohne dass eine bestimmte Baumart dominierte.
Frühere Epochen (Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit, Römerzeit) wurden anhand von Holzfunden rekonstruiert: In Oberösterreich ließen sich für das generell wärmere Neolithikum vor allem Eschen, Fichten, Tannen, Eichen und Buchen nachweisen; in der mehrheitlich wärmeren Bronzezeit Buchen, Tannen, Fichten und Lärchen; in der vergleichsweise kühleren Eisen- beziehungsweise Hallstattzeit (800 – 450 v. Chr.) aber auch in der wärmeren Römerzeit hingegen nur Nadelhölzer.

Unterschiede zwischen warm- und kaltzeitlichen Standorten im Mittelalter
Die Analysen bestätigten die Annahme, dass Standorte mit warmzeitlichen Baumarten-Toponymen aus dem Mittelalter im Mittel höher lagen als kaltzeitliche. Dies traf auf die meisten Baumarten in Oberösterreich zu. Die Klimahüllen basierend auf mittleren Jahrestemperaturen und -niederschlägen der Fichten-, Tannen- und Linden-Standorte unterschieden sich signifikant zwischen den Klimaphasen, was sich auch räumlich interpretieren lässt: In Kaltphasen erfolgte die menschliche Besiedlung (und damit Anlass für Namensgebung) eher in zentralen, niedrigeren und wärmeren Bereichen, während in Warmzeiten auch höhere, kühlere Randlagen erschlossen wurden. Die Verbreitungsmuster spiegeln somit nicht nur naturale Prozesse, sondern auch siedlungsgeschichtliche Entwicklungen wider.
Vergleicht man die nach Fichten benannten Orte in Oberösterreich mit dem klimawandelbedingten Anbaurisiko für Fichten im Zeitraum 1971 – 2000 (mit ungefähr vergleichbaren Temperaturen wie in mittelalterlichen Warmphasen), zeigt sich, dass mittelalterliche warmzeitliche Fichten-Standorte ein etwas geringeres Anbaurisiko aufweisen als kaltzeitliche. Letztere liegen häufiger in Gebieten mit höherem Risiko, was darauf hindeutet, dass sich Fichten in Kaltzeiten in tiefere, wärmere Lagen verlagerten, die heute ein höheres Risiko aufweisen.

Baumartenverteilung um 1825 (Ende der „Kleinen Eiszeit“) und Persistenz
Bis ins frühe 19. Jahrhundert hatte sich die Zusammensetzung der Baumarten an den mittelalterlichen Toponymstandorten grundlegend verändert. Fichte, Tanne und Föhre dominierten fast alle Standorte, während Laubbaumarten deutlich zurückgingen. Die Daten des Franziszeischen Katasters zeigen, dass an den meisten Standorten mehrere Hauptbaumarten vorkamen. Fichte, Tanne und Föhre machten über zwei Drittel aller Nennungen aus. Die Persistenz von Fichte, Tanne und Föhre war am höchsten. Das bedeutet, dass diese Baumarten an vielen der mittelalterlichen Standorte auch um 1825 noch vertreten waren. Buchen, Eichen und Birken kamen hingegen nur noch an einem Bruchteil der ursprünglichen Standorte vor. 

Zeitreise_Diagramm.jpg

© BOKU

Vergleich mit potenziell natürlicher Baumartenverteilung
Ein Vergleich der mittelalterlichen Toponymstandorte mit den potenziell natürlich vorkommenden Baumarten um 1990 (gemäß Kilian et al. 1994) zeigte für Oberösterreich eine hohe Übereinstimmung für Hainbuchen-, Eichen-, Buchen- und Tannen-Orte (97 – 100%). Bei Föhren-Standorten lag die Übereinstimmung bei 57% und bei Fichten bei 51%. An den meisten einstigen Fichten-Standorten waren um 1990 Buchen, Tannen und Eichen typisch, was auf eine (klimatisch bedingte?) Verschiebung des Artenspektrums hindeutet.
In Tirol hätte man um 1990 nur noch an 40% der nach Eichen benannten Orte Eichen als Hauptbaumart vorgefunden, stattdessen aber Fichten, Föhren oder Tannen. Bei Buchen-Standorten lag die Übereinstimmung bei 64% und bei Tannen bei 65%. Mittelalterliche Fichten-Standorte zeigten hingegen mit 85% die größte Persistenz. Insgesamt zeigt sich eine Verschiebung von Laub- zu Nadelbaumarten, insbesondere hin zu Fichten. An einstigen Lärchen-Standorten waren um 1990 nur noch 57% Lärchen typisch, aber 80% Fichten, was auf eine höhenzonale Verschiebung hindeutet. 
Warum die Ergebnisse für Oberösterreich und Tirol zumindest teilweise auf eine gegenläufige Entwicklung hinweisen, konnte im Rahmen dieser Studie nicht geklärt werden. Vermutlich spielten neben der historischen Besiedelungs- und forstlichen Nutzungsgeschichte (und damit der Benennung von Orten) auch die unterschiedlichen topografischen und klimatischen Verhältnisse eine Rolle. 
Dendrochronologisch und C-14-datierte Hölzer aus dem Neolithikum und der Bronzezeit stimmten überraschend gut mit den potenziell natürlichen Baumarten um 1990 überein, was auf eine gewisse Persistenz der Standortsbedingungen hindeutet, wobei es in den Jahrtausenden dazwischen natürlich klimabedingte Veränderungen gab.

Schlussfolgerungen der Studie
Einige erwartete forstökologische Entwicklungen konnten bestätigt werden, gleichzeitig traten jedoch auch gegenläufige Trends auf, deren Ursachen nicht immer eindeutig waren und die weiterer Forschung bedürfen. Die Ergebnisse sind durch verschiedene Unsicherheitsfaktoren beeinflusst: Die zumeist mittelalterlichen Toponymdaten sind nicht repräsentativ für die „Grundgesamtheit“ des Naturraums in den beiden Bundesländern, sondern spiegeln menschliche Wahrnehmungen, Siedlungsgeschichte und sozio-ökonomische Prozesse wider. Auch die Daten des Franziszeischen Katasters und die dendrochronologischen Funde sind nicht statistisch zufällig verteilt.
Die festgestellten Veränderungen der Baumartenverbreitung sind daher nicht ausschließlich klimatisch bedingt, sondern weisen einen deutlichen menschlichen Einfluss („Bias“) auf. Die Benennung von Orten nach Baumarten hängt eng mit der Landnahme und Siedlungstätigkeit zusammen und muss im Kontext der jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen interpretiert werden. Trotz dieser Einschränkungen bietet die Studie eine wertvolle Grundlage für weiterführende Vergleiche zwischen mittelalterlichen, neuzeitlichen und aktuellen Baumvorkommen im Hinblick auf sich ändernder Klimaverhältnisse. Sie ermöglicht die Formulierung konkreterer Untersuchungsdesigns und Hypothesen für zukünftige Forschung zur forstlichen Nutzung und zur Anpassung an den Klimawandel.

Webtipp: forstverein.at/fachausschusse/forstgeschichte/