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Struktur- und artenreicher Mischwald: ökologisch erstrebenswert, ertragskundlich und bewertungstechnisch herausfordernd © ÖBf/Florian Platter

Interview Dr. Gerhard Pelzmann

Waldbewertung: Die Evolution geht weiter

Ein Artikel von Robert Spannlang | 29.01.2026 - 10:18
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Dr. Gerhard Pelzmann wird 2026 von der LK Steiermark an die BOKU wechseln. © privat

Ob Tätigkeiten bei der Landwirtschaftskammer Steiermark, beim Steiermärkischen oder beim österreichischen Forstverein – alles verfolgte Gerhard Pelzmann mit großer Hingabe und konsequent über lange Zeiträume. Der gebürtige Salzburger mit einer Passion für das Klarinettenspiel war wohl für viele der Wunschkandidat für die Nachfolge als Lektor des verdienten Gerald Schlager für eine wesentliche Vorlesung an der BOKU.

Sie bekommen die ehrenvolle Aufgabe, künftige Forstwirt:innen an der BOKU in der Waldbewertung auf ihre künftigen Rollen in der Forstwirtschaft vorzubereiten. Sie haben einige Zeit mit Gerald Schlager die Lehrveranstaltung geleitet, einem Sachverständigen für Fragen der Waldbewertung. Wie sehen Sie Ihrer neuen Aufgabe entgegen?
Ja, die Universität für Bodenkultur hat mich seit heuer damit beauftragt, die Vorlesung zur Waldbewertung für die Studierenden zu halten. Ich freue mich schon darauf, bin mitten in den Vorbereitungen und gespannt auf die Zusammenarbeit mit den Studierenden. Mit dem Kollegen Gerald Schlager arbeite ich schon seit längerer Zeit zusammen. Wir haben miteinander auch den Weiterbildungsakademie-Lehrgang der BOKU zur forstlichen Liegenschaftsbewertung mitgestaltet, wo ich beim Teil „wertbestimmende Merkmale im Wald“ schon in den vergangenen Jahren involviert war. Als Lektor werde ich meine über vierzigjährige forstliche Praxis einbringen. Ich werde mich dieser neuen Aufgabe auf der BOKU auch voll widmen können, weil ich im Sommer meine Tätigkeit bei der Landwirtschaftskammer Steiermark und beim Steiermärkischen Forstverein beende, um in den Ruhestand zu gehen. Das passt also auch zeitlich recht schön zusammen. 

Die Waldbewertung wird künftig auch Ansprüche wie etwa jene nach Renaturierung, Kohlenstoff- oder BiodiversitätszertifiKaten mit zu berücksichtigen haben.


Dr. Gerhard Pelzmann, künftig Lektor für Waldbewertung an der Universität für Bodenkultur Wien

Was bedeutet es Ihnen, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten und die nächsten Generationen von Forstwirt:innen mitzuprägen? 
Ich mache auch das sehr gerne – und bin auch schon seit Jahrzehnten in Lehrtätigkeiten an unterschiedlichen forstlichen Bildungsanstalten eingebunden. Aus meiner Sicht ist das Erwachsenenbildung. Ich mag das Lehren gerne, denn erstens bekommt man wieder ganz neue Sichtweisen auf die Materie, wenn man einen Stoff knackig zusammenfassen und auch verständlich erklären soll. Und zweitens ist es immer toll, wenn man durch Hinterfragen von Sachverhalten durch Kursteilnehmende auf neue Wege gebracht wird, die man vorher so gar nicht bedacht hat. Das kann also gegenseitig bereichernd sein. 

Sie haben bisher unter anderem den Fachausschuss Forschung und Entwicklung, Forsteinrichtung und Digitalisierung des Österreichischen Forstvereins geleitet. Außerdem sind Sie bekannt für Ihre digitalen Tools für die Waldinventur, die Forstbetrieben als Open Source zur Verfügung stehen oder für Geografische Informationssysteme, Stichwort QGIS-Forst. Welche Akzente werden Sie in dieser Lehrveranstaltung an der BOKU setzen? 
Ich beschäftige mich mit den Themen Waldbewirtschaftung, Waldwirtschaftspläne und Monitoring schon seit Jahrzehnten im Rahmen meiner Arbeit und habe dazu auch ein paar Tools entwickelt. Natürlich ist meine Arbeit als Lektor an der BOKU wieder eine Möglichkeit, dass diese Tools – etwa der Praxisplan Waldwirtschaft oder der Managementplan Forst – noch bekannter werden. Auf 
www.lko.at/forstprogramme stehen zur Verfügung. Diese Tools stehen ja ohnehin gratis zur Verfügung, ich habe also kein kommerzielles Interesse daran. Der Praxisplan Waldwirtschaft ist ein gutes Tool für Kleinwaldeigentümer:innen, das auch fleißig genutzt wird. Der Managementplan Forst wiederum wertet unter anderem auch Winkelzählproben aus und ist im Prinzip eine vollwertige Forsteinrichtung. Ich werde natürlich auch versuchen, diese Tools – es gibt noch viele weitere – auch bei der Lehre unter den Studierenden einzusetzen. Vor zwei Jahren habe ich dann noch ein Buch zu den Alterswertfaktoren gemacht – als Ersatz für das bis dahin vielfach verwendete Buch von Wolfgang Sagl. Ein weiteres über Rundholzsortimentierung ist in Vorbereitung. Anscheinend ist der Bedarf an gedruckten Unterlagen zur Waldbewertung in der Praxis immer noch sehr groß. 

Wie kam es eigentlich dazu, dass sich Gerhard Pelzmann derart in die Prozessabläufe der Waldbewirtschaftung über digitale Tools begeben hat?
Ich besuchte ein mathematisches Realgymnasium. Dort gab es den Zweig „Mathematik mit EDV“ als Schulversuch, den ich damals auswählte. Seit dieser Zeit habe ich eine gewisse Affinität zur elektronischen Datenverarbeitung entwickelt und mich eigentlich mein ganzes Leben lang in unterschiedlichsten Konstellationen damit beschäftigt. Ich sehe mich ja noch in einer Fortsetzung der Tradition der steirischen Landwirtschaftskammer. Die war vor Jahrzehnten auch geprägt von den sehr großen Persönlichkeiten Frauendorfer, Eckmüllner sen., Pestal, Griess oder Marschall. Das waren zu ihren Zeiten auch Mitarbeiter in der Forstabteilung der steirischen Landwirtschaftskammer und die waren auch sehr innovativ. Als ich dann 2002 in der Zentrale gelandet bin, war ich allein für die Forsteinrichtung zuständig. Die größte Wirkung hatte ich dort als Einzelperson, wenn es mir gelang, unterstützende Werkzeuge zu schaffen, mit denen viele Waldbesitzer:innen arbeiten können. Und diesen Weg bin ich dann auch gegangen. So verwenden derzeit rund 5.500 Betriebe aller Größenkategorien, die insgesamt rund 200.000 ha Wald bewirtschaften, meine Tools. 

Unsere Wälder werden struktur- und baumartenreicher. Wie verändert sich die Waldbewertung im Zeitalter des Klimawandels?
Die Waldbewertung richtet sich eigentlich immer nach den aktuellen Bedürfnissen. Als etwa das Waldsterben ein großes Thema war, ist eine Methodik entwickelt worden, wie man das für die Waldbewertung erfassen kann. So wird es auch bei Veränderungen sein, die vonseiten der Gesellschaft auf den Wald einwirken, seien es Renaturierungsforderungen oder die Kohlenstoff- beziehungsweise Biodiversitätszertifikate. Also ich glaube, in diese Richtung wird sich die Bewertung noch weiterentwickeln. Das heißt, irgendwann werden Ökosystemdienstleistungen in irgendeiner Form in Wert gesetzt werden. Forstbetriebe oder auch viele kleinere Waldbesitzer:innen müssen ihr Angebot diversifizieren. Das Holz ist nur mehr ein – wenn auch nach wie vor wichtiger – Teil des Outputs. Aber daneben gibt es eben auch die Bereiche Immobilien oder alternative Energiegewinnung, die heute vielleicht noch am Rande zur Waldbewertung gehören, aber trotzdem zukünftig sicherlich wichtiger werden. Wenn die Bestände reicher an Infrastruktur und Baumarten werden, dann werden die Bewertungen dementsprechend umfangreicher. Es gibt halt dann nicht mehr nur die Fichte, sondern noch eine Vielzahl anderer Baumarten, die man entsprechend ihres Marktwertes, aber auch ihres ökologischen Wertes bewerten muss. Es wird sehr viel mehr Detailwissen in Teilbereichen auch abseits der Forstwirtschaft gefragt sein. Als forstliche(r) Sachverständige(r) sollte man dann wissen, wo man sich diese Expertise herholt. 

Die Erfassung der struktur- und baumartenreicheren Bestände, die wir heute anstreben, wird also ertragskundlich und damit auch bewertungstechnisch aufwendiger. Gleichzeitig haben sich aber auch die Aufnahmeverfahren wesentlich verbessert, Stichwort Digitalisierung. 
Genau, die Aufnahmeverfahren sind anspruchsvoller, vielseitiger, aber auch effizienter geworden. Totholz stehend oder liegend zum Beispiel wird im Managementplan Forst bereits abgebildet. Ich habe vor, dort bald auch das Kriterium „Biodiversität“ verstärkt zu implementieren. Es wird Gutachter geben, die mit den herkömmlichen mechanischen Messinstrumenten arbeiten werden. Und andere werden die heutigen Laserscan-unterstützten Methoden anwenden, seien es Fernerkundungsmethoden oder bodenunterstützt. Aber da braucht man erstens teures Equipment dazu. Und zweitens kriege ich damit eine riesige Datenmenge, mit der ich erst einmal umgehen können muss. Natürlich kriege ich bessere Informationen – etwa die Schaftform und nicht nur den BHD, aber die muss ich aus dieser Datenmenge erst rausholen können. Wie ich unsere Branche kenne, werden sich die konventionellen Erhebungsmethoden sicher noch eine zeitlang halten und neben IT- oder KI-unterstützten Methoden parallel angewendet werden. Anders gesagt: Der Fortschritt ist in Ansätzen schon da, aber die Forstbranche ist ja keine Branche mit einer riesigen Wertschöpfung, die große Investitionen erlauben würde. Das heißt, es müssen hier spezialisierte Firmen ran, die sich dafür interessieren und leistbare Tools entwickeln.

Früher gab es im Wesentlichen Erträge aus dem Holzverkauf und aus der Jagd. Wie wird überhaupt der ökologische Wert eines Bestandes zu erheben sein? Wie gehen wir mit Wildnisgebieten, Habitatgebieten, CO2-Senken etc. bewertungstechnisch um?
Nun, die eine Sache ist, etwas zu bewerten, die andere, einen Preis dafür festzulegen. Was die Waldbewertung leisten kann, ist, zu einer konsensualen, allgemein anerkannten Werteinschätzung eines Waldes, einer Dienstleistung oder eben einer Ökosystemdienstleistung zu kommen. Da wird es wichtig sein, zunächst einmal der Gesellschaft gegenüber glaubhaft darstellen zu können, was etwa ein bewirtschafteter Wald an Schutzleistungen erbringt. Seit Jahrhunderten hat sich die Waldbewertung fokussiert auf die Frage: Welcher Zinsfuß soll zur Anwendung kommen? Und der ist objektiv viel entscheidender für die Wertermittlung als die Frage, ob ich etwa den Ertragswert oder den Sachwert heranziehe. Sehr wahrscheinlich werden die Bewertungen von Waldwirkungen und Ökosystemdienstleistungen zukünftig wichtiger werden, ja.

Wie kann ich überhaupt monetarisieren, was über Jahrhunderte zum Nulltarif zur Verfügung gestanden ist?
Mit den CO2-Zertifikaten ist das erste Mal ein potenzieller Nachfragemarkt geschaffen worden, der eben diese Leistung auch honorieren wird. Aber offenbar ist das im Moment der einzige Bereich, wo das in Ansätzen funktioniert. Es gehören ein paar wesentliche gesetzliche Definitionen noch getroffen, die eben sehr schwierig zu treffen sind, vor allem seitens der Europäischen Union. Folgende Frage wird dabei entscheidend sein: Was wird durch die Art meiner Waldbewirtschaftung an zusätzlichen Leistungen erbracht und wie sind sie zu honorieren?

Bisher operierte man in der Waldbewertung im Wesentlichen mit Sachwert, Ertragswert und Vergleichswert. Gibt es Verfahren, die an Bedeutung gewinnen oder verlieren werden?
Die Bewertung ist wie gesagt ein weites Feld – je nachdem, was der Zweck der Bewertung ist. Wir müssen zukünftig vermehrt auch das Risiko des Ausfalls einer Baumart mit in die Bewertung einbringen. Ich glaube, dass das Ertragswertverfahren in Österreich, trotz der bereits erwähnten Zinsproblematik, zukünftig einen höheren Stellenwert einnehmen wird. Neue Methoden wie etwa die Monte Carlo- Simulation im Ertragswertverfahren werden zukünftig mit Risiko und Unsicherheiten über zukünftige Entwicklungen detailliertere Ergebnisse als Grundlage für Bewertungen liefern. Ich war seinerzeit auch schon dabei, als die Diskussion rund um den Einheitswert im Gange war, und habe da ein Verfahren zur Einheitsbewertung für den Kleinstwald entwickelt. Bewertung ist halt auch ein sozialer Prozess. Irgendwann muss ein Konsens unter den Beteiligten erreicht werden, damit das menschliche Zusammenleben funktioniert.

Ob in der Weiterentwicklung seiner Tools oder als Lektor an der BOKU, Gerhard Pelzmann wird also weiterhin forstlich breitenwirksam bleiben. Viel Erfolg weiterhin und danke für das Gespräch!