Kranrückezüge – besser bekannt als Forwarder – nehmen unter den Forstmaschinen eine zentrale Stellung ein, wenn es darum geht, die Produktivität sowie die Nachhaltigkeit der Holzernte zu steigern: Zum einen legen sie im Gelände die größten Distanzen zurück. Zum anderen haben sie die größte Radlast und üben somit den größten Druck auf den Waldboden aus. Nach einer rasanten Entwicklung in den 1990er-Jahren, die vor allem von Herstellern aus den nordischen Ländern vorangetrieben wurde, sind Innovationen auf dem Gebiet der Forwardertechnik in den letzten Jahren ins Stocken geraten. Der europäische Markt wird von wenigen großen Herstellern dominiert, die relativ ähnliche Maschinen bauen. Diese sind überwiegend für die im borealen Europa vorherrschende Forstwirtschaft optimiert – das heißt für klassische Nadelholz-Altersklassenwirtschaft mit geringen Zielstärken, Kahlschlägen und flächiger Befahrung.
Für die mitteleuropäische Forstwirtschaft, die sich zunehmend hin zu naturnaher, selektiver Waldnutzung bewegt, sind die nordischen Forwarder nicht optimal. Auch in Osteuropa, wo mangels Erschließung oft über größere Distanzen gerückt werden muss, stoßen die verfügbaren Maschinen an ihre Grenzen. Ähnliches gilt für die Britischen Inseln, wo zwar Plantagenwirtschaft vorherrscht, dafür aber oft auf Moorböden gewirtschaftet wird, die – anders als in der borealen Zone – im Winter kaum gefrieren. Die großen Hersteller haben jedoch weiterhin vor allem Nordeuropa im Blick und zeigen nur wenig Interesse an Lösungen für Europas gemäßigte Breiten.
Initiative von HSM
Der deutsche Hersteller HSM aus dem baden-württembergischen Neu-Kupfer konzentriert sich seit Jahrzehnten auf die Entwicklung von Forstmaschinen für den mitteleuropäischen Markt. Als Mittelständler hat das Unternehmen, dessen Marktanteil bei Cut-to-Length-Systemen (Harvestern und Forwardern) in Deutschland 10% beträgt, allerdings nur begrenzte Ressourcen, um Innovationen im Alleingang voranzutreiben. Daher hob HSM vor drei Jahren das Projekt „Forwarder2020“ aus der Taufe, an dem insgesamt 14 Partner aus sechs Ländern (DE, CH, IT, LT, RO, UK) beteiligt sind: Sechs Komponentenhersteller, vier Hochschulen, drei Forstdienstleister sowie als Innovationsberater das Steinbeis-Europa-Zentrum (SEZ) in Karlsruhe.
Angestrebt wurde ein innovativer Forwarder für gemäßigte Breiten, bei dem sowohl der Kraftstoffverbrauch als auch die Bodenbelastung im Vergleich zu herkömmlichen Systemen um 30% reduziert sind. Zudem sollten die Ergonomie und die elektronische Betriebsdatenerfassung optimiert werden. Das Projekt wurde von der EU im Rahmen des Innovationsprogramms „Horizont 2020“ mit 2 Mio. Euro gefördert. Das Gesamtbudget betrug 3 Mio. Euro.
Die dreifache Bogie-Hinterachse: Eines der fünf optionalen Module, mit denen sich der neue Forwarder an die individuellen Bedürfnisse des Kunden anpassen lässt. © Forstdienstleistungen Hegenbarth
Modulares System
Das Ergebnis ist eine Weiterentwicklung des HSM-Modells 208 F, die fünf innovative Module umfasst: (1) ein hybridhydraulisches Kransystem mit Energierückgewinnung, (2) ein hydrostatisch-mechanisches Leistungsverzweigungsgetriebe, (3) eine hydropneumatische Federung, (4) eine dreifache Bogie-Hinterachse sowie (5) ein innovatives Monitoringsystem zur Dokumentation der Betriebsdaten. Die Module werden flexibel kombinierbar sein.
Bislang wurden zwei Prototypen gebaut und unter extremen Bedingungen in Deutschland, Schottland und Litauen getestet. Ein letzter Test in Rumänien steht noch aus. Die bisherigen Tests deuten darauf hin, dass die Ziele des Projekts in vollem Umfang erreicht wurden. Die Kombination von reduziertem Kraftstoffverbrauch und verbesserter Ergonomie erlaubt dem neuen Forwarder längere Rückewege, sodass auch bei weitem Forststraßennetz produktiv gerückt werden kann. Die dreifache Bogie-Achse ermöglicht das Rücken selbst auf wassergetränkten Moorböden. Das Monitoringsystem, bei dem eine komplexe Sensorik alle Prozessdaten erfasst und an eine Cloud weiterleitet, vereinfacht den Datenaustausch entlang der Logistikkette und ermöglicht eine präzisere Planung und Evaluation der Holzernte. Die ersten Modelle des neuen Forwarders sollen 2020 auf den Markt kommen.
Weitere Informationen zum Projekt „Forwarder2020“ gibt es auf der Website des Projekts (auf Englisch). Ein Video vom Stresstest in Litauen steht auf YouTube.