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Die Politik gestaltet unsere Wälder mit. © Magerl

Ökologie

Quo vadis, Forstwirtschaft?

Ein Artikel von Bernhard Budil | 05.08.2019 - 16:14
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Der Klimawandel setzt den Wäldern in Mitteleuropa stark zu. © Wieser

Was eint aber nun diese vielfältigen Herausforderungen? Oder anders gefragt: Wo sind die großen Zusammenhänge zu finden? Damit hat sich der Autor in den vergangenen Monaten intensiv befasst und zieht folgendes Resümee: Drei Metathemen sind es, die uns bereits in der Vergangenheit begleitet haben und auch die Rahmenbedingungen für die künftige Waldbewirtschaftung vorgeben werden.

Treiber Nummer eins - der Klimawandel
Verfolgt man die Medienberichte der vergangenen Wochen und Monate, so bekundet inzwischen ein guter Teil, dass es heute vielleicht sogar schon fünf Minuten nach Zwölf sei, wollten wir in der Frage Klimawandel etwas bewegen. Die Trumps & Co. auf dieser Welt sehen das jedoch noch ganz anders und haben anscheinend noch stundenlang Zeit, um zuerst einen kleinen „Powernap“ zu halten und dann gemütlich zu überlegen, wie man das Thema denn angehen könnte. Die Wahrheit liegt leider nicht einmal in der Mitte, denn selbst wenn man Optimist ist, werden wir massiv zu tun haben, wollen wir auch unseren nächsten Generationen noch einen Planeten mit Zukunft übergeben. Als in und mit der Natur arbeitender Sektor ist es konkret die Land- und Forstwirtschaft, die bei uns als Erster die unmittelbaren Auswirkungen des Klimawandels sichtbar zu spüren bekommt. Trockenheit, Rekordtemperaturen und Extremwetterereignisse geben sich in den vergangenen Jahren die Klinke in die Hand. Während die Landwirtschaft hier zumindest noch mit jährlichen Entscheidungen antworten kann, wird es für die Forstwirtschaft eng. Denn welche Baumarten bis zur nächsten Jahrhundertwende in unseren Breiten überlebensfähig sind, kann in Wahrheit nur geraten werden. Anpassungsstrategien sind aufgrund der komplexen Zusammenhänge oft nicht mehr als ein „Learning by Doing“. Forschung, möglichst breit aufgestellte Waldbaukonzepte und letztlich finanzielle Überbrückungsmöglichkeiten sind daher aus heutiger Sicht Gebote der Stunde.

WELCHE BAUMARTEN BIS ZUR NÄCHSTEN JAHRHUNDERTWENDE IN UNSEREN BREITEN ÜBERLEBENSFÄHIG SIND, KANN IN WAHRHEIT NUR GERATEN WERDEN.

Bernhard Budil, Land&Forst Betriebe Österreich

„Urbanisierung“ – der unterschätzte Megatrend 
Der zweite Trend ist wohl mindestens so massiv wie der erste, wird aber aufgrund seiner schleichenden Entwicklung gerne übersehen. Es ist die Urbanisierung, die Grundlage für den Großteil der Entwicklungen in Gesellschaft und Politik ist. Und die Auswirkungen sind enorm – vor allem, wenn es um die Fragen der Landbewirtschaftung und ihrer Zukunftsfähigkeit geht. Denn das Wissen und das Verständnis um unseren Sektor sind in den vergangenen Jahren zunehmend verloren gegangen. Politische Entscheidungen werden für Mehrheiten gestaltet, die heute jedoch in den großen Ballungsräumen unseres Landes sitzen. Dass Ernährungssicherheit, biogene Ressourcen und erneuerbare Energien fast ausschließlich aus dem ländlichen Raum kommen und entsprechende Rahmenbedingungen brauchen, ist in Vergessenheit geraten. Auch der ökologische Ausgleich für die vielen städtischen Auswirkungen auf Klima, Umwelt und Natur wird am Land geleistet. Im Wettbewerb mit Fragen, wie nach der Parkraumgestaltung, Schaffung von Wohnräumen, Infrastrukturentwicklung und nach vielerlei anderen stadtgebundenen Themen, wird dies aber oft außer Acht gelassen. Und dass man regionale, hochqualitative Lebensmittel verlangt, aber beim Griff ins Regal das billigste nimmt (in der Regel aus dem fernen Ausland mit niedrigen Umweltund Produktionsstandards und dafür weiten Transportwegen), ist leider ein Zeichen der Zeit. Der Lösungsansatz heißt proaktive Kommunikation auf allen Ebenen – etwas, das wir selber gestalten müssen.

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Die Urbanisierung ist einer der unterschätzten Megatrends © LFBÖ

Politik im Wandel
Die politische Großwetterlage ist der dritte entscheidende Faktor, der maßgeblich die Zukunft unserer Wälder gestalten wird. Und unabhängig von Parteien oder Personen sind es die Schnelllebigkeit, die Volatilität und die Vergänglichkeit dieser Ebene, mit der ein nachhaltiger und generationsübergreifender Sektor wie unserer seine großen Herausforderungen hat. Ganz im Gegenteil zu den weltweiten Entwicklungen wäre es dringend Zeit für stabile Verhältnisse. Zeit für verantwortungsvolle Personen an der Macht, die nicht Ideologie oder Parteipolitik als Fahrplan haben, sondern Sachpolitik im Sinne der Herausforderungen unserer Zeit. Will man dabei das demokratische Grundgerüst und die Parteienstruktur unserer Kulturgesellschaft nicht infrage stellen, so sind es vor allem Persönlichkeiten, die heute quer über Europa in der Politik fehlen. Als aufmerksamer Bürger hat man den Eindruck, dass es bis auf wenige Ausnahmen „Zufallspolitiker“ sind, die in entsprechende Funktion kommen, oder Menschen, die vor allem das Spiel mit der Macht im Fokus haben. Für diese wichtige Aufgabe braucht es aber deutlich mehr. Neben der Fähigkeit, zuhören zu können, die Notwendigkeiten der Zeit zu erkennen und letztlich Entscheidungen zu treffen (manchmal auch ungeliebte), braucht es vor allem auch charakterliche Stärke. Denn der Umgang mit der Macht bedarf moralischer Standfestigkeit, will man nicht auf Ibiza enden. Viele gute und notwendige Ansätze sind etwa durch die jüngsten Entwicklungen in Österreich hinfällig geworden und ein weiteres Mal wurde der Abbruch einer laufenden Legislaturperiode verursacht. Es ist Nachhaltigkeit im besten Sinne seiner langfristigen Intention, die auch die Politik unseres Landes dringend benötigt. Der aktuellen Übergangsregierung ist hoher Respekt und Anerkennung auszusprechen, denn es gehört schon einiges dazu, spontan so hohe Verantwortung zu übernehmen.

Conclusio
Österreich wird auch künftig von Wäldern bedeckt sein – ob mit oder ohne Menschen. Solange wir aber Teil dieses Ökosystems sind und dies auch mit Verantwortung so betrachten, müssen wir die anstehenden Herausforderungen aktiv annehmen. Klimawandel, die Urbanisierung und die politischen Verhältnisse sind die drei großen Meta-Themen, die sich gegenseitig beeinflussen. Unsere Großväter haben nicht wissen können, ob ihre damaligen Entscheidungen auch wirklich für Baumgenerationen geeignet sind. Wir sollten heute zumindest in Menschengenerationen denken und diesen ein Erbe hinterlassen, das aus heutigen Gesichtspunkten Zukunft hat. Dafür werden unsere Waldbesitzer Verständnis und Unterstützung brauchen – von Politik und Gesellschaft.