Anfang der 2020er-Jahre wurden viele Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer mit den Auswirkungen extremer Kalamitäten konfrontiert. Sie erlitten nicht nur erhebliche ökonomische Verluste, sondern sorgten sich auch emotional um die Zukunft ihrer Wälder. Wie könnte man dies in Zukunft verhindern? Diese Frage stellten sich die Mitarbeiter am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) und initiierten gemeinsam mit dem Waldverband Steiermark das Projekt „ForForestInnovation“. Sie holten sich Unterstützung von starken Partnern wie der Landwirtschaftskammer Steiermark, der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), den Land&Forst Betrieben Österreich, dem Holzcluster Steiermark mit der Universität Graz und Biosphäre Austria (BIOSA).
Ziel des Projektes ist es, einen Blick in die Zukunft des Waldes zu ermöglichen und herauszufinden, wie dieser stabil, ökonomisch und ökologisch wertvoll gestaltet werden kann. Ein zentraler Bestandteil ist die dynamische Waldtypisierung der Steiermark, daher bezieht sich die Forschung momentan noch auf die steirischen Wälder.
Lebendige 3D-Visualisierungen statt Daten und Tabellen
Der Wald der Zukunft sollte nicht in wissenschaftlichen Daten und Tabellen dargestellt werden, sondern lebendig und anschaulich in einer 3D-Visualisierung innerhalb einer Webapplikation. Diese bietet allgemeine Informationen zu den Wäldern Österreichs und detaillierte Angaben über Klimafitness, Biodiversität, CO2-Speicherung und ökonomische Kennzahlen. Welche Änderungen bewirkt der Umstieg von Altersklassenbewirtschaftung auf Dauer- beziehungsweise Plenterwald? Was bewirkt der Umbau der Wälder in Holzerträgen und Waldbaukosten? Wie sollen künftige Waldbewirtschaftungspläne gestaltet sein? Wie wird es in Zukunft mit der Verfügbarkeit von Holzarten für die Industrie aussehen? Ein wesentlicher Punkt war auch, wie kann man Wissen aus der Forschung und aus der Praxis verknüpfen und kommunizieren? Welche Kommunikationskanäle sind erforderlich, um auch hofferne Waldbesitzer*innen zu erreichen und die Bedeutung unserer Wälder ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu bringen.
Vier Waldbauszenarien
Die Modellierung der Wälder der Zukunft beruht auf der Verknüpfung der Daten der österreichischen Waldinventur (ÖWI) und der dynamischen Waldtypisierung. Das Waldwachstumsmodell CALDIS, entwickelt am BFW, simulierte die Entwicklung der steirischen Wälder unter vier unterschiedlichen Waldbauszenarien:
- Business as Usual (BAU)
- klimafitter Laubmischwald
- klimafitter Nadelmischwald
- kein Management (NOM)
Iteratec entwickelte die Webapplikation und nanographics ließ die Bäume virtuell auf Grundlage der CALDIS-Daten wachsen. Aber nicht nur virtuell wurde ein Zugang zur Thematik geschaffen. Durch Kooperation mit Waldbesitzern konnten neun Demonstrationsflächen zugänglich gemacht werden, auf denen bereits die Anfänge der zukünftigen Wälder zu betrachten sind. Auf diesen Flächen wurden Exkursionen mit einigen hundert Teilnehmern abgehalten, die von einem buntgemischten Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurden. „Durch‘s reden kommen die Leut‘ z‘samm.“ So wurde viel diskutiert, neue Ideen und Partnerschaften entstanden.
Es gibt in der Forstwirtschaft viele Visionäre, aber auch viele Akteure, die viel althergebrachtes Wissen haben und sich andere Waldformen der Zukunft nur schlecht vorstellen können. Die Webapplikation, das Herzstück des Projektes, wird in Kürze sowohl als Desktopversion als auch als mobile Version zur Verfügung stehen.
Intuitive Bedienung
Betätigt man die Maus über den Bildschirm, so kann man einen roten Pin auf die gewünschte Region setzen und eine Höhenstufe auswählen. Ein Klick auf „Zum Wald der Zukunft“ zeigt anschließend den visualisierten Wald in 3D.
Die Anwendung generiert einen Referenzwald aus den Daten von 15 Stichprobenflächen der österreichischen Waldinventur in diesem Gebiet. Auf der rechten Seite des Bildschirmes ist eine gestrichelte Linie mit einem Pfeilchen zu sehen. Mit Klick auf dieses Pfeilchen teilt sich der Bildschirm und Nutzer können dort zwischen verschiedenen Waldbauszenarien wählen und am unteren Ende des Bildschirmes die Simulation über eine Zeitleiste steuern. Neben dem Startpfeil kann man die Geschwindigkeit der Simulation einstellen.
In der linken oberen Ecke des Bildschirmes ist es möglich, die Ansichten zu steuern. Die Ansicht lässt sich zwischen Frontansicht, Draufsicht und einer Perspektive direkt im Wald wechseln. Rote Markierungen ermöglichen den Wechsel zwischen verschiedenen Stellen im Referenzwald. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, sich mithilfe der Maus/des Fingers sich 360° im Kreis zu drehen. (Achtung: Die Bildschirmhälften sind nicht gespiegelt, sie stellen die Landschaft durchgehend dar. Die Visualisierung orientiert sich an Luftbildern aus diesen Regionen und schließt daher auch landwirtschaftlich genutzte Flächen und Almen mit ein.)
Betätigt man den Button „mehr Infos zum Wald“ beziehungsweise „i“ in der mobilen Version, wird ein Dashboard präsentiert, das aus vier Tafeln besteht.
Oberhalb der vier Tafeln kann man das gewünschte Waldbauszenario anklicken, dann sind die dazugehörigen Informationen zu sehen. Interessant ist es, eine Tafel zu betrachten und dann zwischen den Szenarios hin und her zu schalten.
Die erste Tafel beschreibt die Klimafitness dieses Referenzwaldes. Hier wird das Baumartenvorkommen bis 2100 unter Einfluss des Klimawandels dargestellt. Da in Mitteleuropa die Jahresdurchschnittstemperaturen mitunter am schnellsten ansteigen, wird das „schlimmste“ Klimawandelszenario (RCP 8.5) angenommen. Klickt man „Mehr Infos“ an (je nach Bildschirmgröße muss man dorthin scrollen), sieht man, welche Baumarten gut geeignet sind und welche eher ausfallen werden. „Zurück zur Übersicht“ führt wieder zum Dashboard.
Die zweite Tafel behandelt den Wald als Kohlenstoffsenke und CO2-Emissionen. Die dritte Tafel liefert wirtschaftliche Daten einschließlich Erntefestmeter, Holzerlösen, Holzerntekosten (aufgegliedert je nach Gelände in verschiedene Erntetechniken) und der Waldbaukosten (wieder je nach Waldbauszenario). Vorratsentwicklung und die Entwicklung der genutzten Erntefestmeter (geplante Ernte und Schadholz) sind in anschaulichen Grafiken dargestellt. Die vierte Tafel gibt Auskunft zur Biodiversität in Form des Gini-Index und des Vorrates an Totholz.
Alle Ergebnisse werden bis Ende des Jahres auf der Projekt-Homepage verlinkt sein.
Webtipp: www.forforestinnovation.com