Habitatbäume zeichnen sich durch eine Vielzahl sogenannter Mikrohabitate aus und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur strukturellen und funktionalen Vielfalt von Waldökosystemen. Im Unterschied zu klassischen Zukunftsbäumen (Z-Baum) werden Habitatbäume nicht über ihre Baumart definiert, sondern über besondere Strukturmerkmale. Diese entstehen meist erst im höheren Alter oder infolge biotischer und abiotischer Einwirkungen und umfassen unter anderem Baumhöhlen, Horste, Stammrisse, Faulstellen, abplatzende Rinde sowie abgestorbene Äste oder ganze Kronenteile.
In Österreich sind Habitatbäume fixer Bestandteil naturnaher Bewirtschaftungskonzepte, forstlicher Förderprogramme sowie gängiger Zertifizierungssysteme. Ihre gezielte Auswahl und dauerhafte Sicherung ist damit zu einer zentralen Aufgabe der forstlichen Praxis geworden.
Grenzen der klassischen Geländeaufnahme
Die Identifikation von Habitatbäumen erfolgt traditionell im Rahmen von Bestandesbegehungen. Dieses Vorgehen ist fachlich bewährt, stößt jedoch in der Praxis häufig an Grenzen. Besonders in großflächigen Beständen, in Steillagen oder in Schutzwäldern ist der zeitliche und personelle Aufwand hoch. Zudem befinden sich viele entscheidende Habitatmerkmale im Kronenbereich und sind vom Boden aus nur eingeschränkt sichtbar. Horste, abgestorbene Wipfel oder ausgeprägtes Kronentotholz bleiben bei rein bodengestützter Erhebung nicht selten unentdeckt.
Hinzu kommt, dass die Einschätzung der Habitatqualität bis zu einem gewissen Grad von der Erfahrung der aufnehmenden Person abhängt. Vor diesem Hintergrund wächst der Bedarf an ergänzenden, objektivierbaren Erfassungsmethoden.
Drohnen als ergänzendes Werkzeug der Forstpraxis
Drohnen (UAV = Unmanned Aerial Vehicle) werden in der Forstwirtschaft bereits erfolgreich in verschiedenen Anwendungsfeldern eingesetzt, etwa in der Waldinventur, im Schadensmonitoring oder bei der Dokumentation von Sturmereignissen. Für die Erfassung von Habitatbäumen sind vor allem hochauflösende RGB-Kameras sowie LiDAR-Sensoren (Light Detection and Ranging) von Bedeutung.
RGB-Aufnahmen liefern detaillierte Informationen zu Kronenformen, Totholzanteilen und auffälligen Einzelbäumen. LiDAR-Daten ermöglichen zusätzlich eine dreidimensionale Erfassung der Waldstruktur und liefern objektive Kenngrößen wie Baumhöhe, Kronenvolumen und vertikale Strukturkomplexität. Gerade in strukturreichen oder mehrschichtigen Beständen bieten diese Daten einen deutlichen Informationsgewinn.
Habitatbäume aus der Vogelperspektive erkennen
Der zentrale Mehrwert von Drohnen liegt in der neuen Perspektive auf den Bestand. Aus der Luft lassen sich Baumkronen klar voneinander abgrenzen, wodurch überragende Altbäume, Überhälter oder Bäume mit auffälliger Kronenstruktur rasch identifiziert werden können. Besonders gut erkennbar sind große Horste, abgestorbene Kronenteile sowie unregelmäßige Kronenformen als Hinweise auf Alterungs- oder Schädigungsprozesse.
Untersuchungen zeigen, dass sich potenzielle Habitatbäume mithilfe von Drohnenaufnahmen deutlich effizienter identifizieren lassen als durch ausschließlich bodengestützte Aufnahmen. In der Praxis hat sich ein zweistufiges Vorgehen bewährt. Zunächst erfolgt eine Vorselektion potenzieller Habitatbäume am Bildschirm anhand der Luftbilder. In einem zweiten Schritt werden diese Bäume gezielt im Gelände überprüft und fachlich bewertet. Dieses Vorgehen reduziert den Begehungsaufwand erheblich und erhöht zugleich die Erfassungsgenauigkeit.
Digitale Kategorisierung und objektive Bewertung
Auf Grundlage von Sensor-Daten lassen sich Habitatbäume strukturiert und nachvollziehbar in praxisrelevante Kategorien einteilen. Dazu zählen insbesondere Horstbäume mit deutlich erkennbaren Neststrukturen, Bäume mit ausgeprägtem Kronentotholz sowie starkdimensionierte Alt- und Biotopbäume mit hoher Strukturvielfalt. Die Möglichkeit, Höhen- und Strukturparameter quantitativ zu erfassen, trägt zusätzlich zu einer Objektivierung der Bewertung bei. Digitale Datensätze schaffen damit eine belastbare Grundlage für Dokumentation, Monitoring und betriebliche Entscheidungen.
Integration in Planung und Bewirtschaftung
Ein wesentlicher Vorteil der drohnengestützten Habitatbaumerfassung liegt in ihrer direkten Einbindung in forstliche Planungsprozesse. Die kartierten Bäume können in bestehende Geoinformationssysteme integriert und mit Bestandesdaten, Erschließungslinien oder waldbaulichen Zielsetzungen verknüpft werden.
Für die Praxis bedeutet dies, dass ökologisch besonders wertvolle Einzelbäume frühzeitig bekannt sind und bei Durchforstungen, Pflegeeingriffen oder Nutzungsmaßnahmen gezielt berücksichtigt werden können. Nutzungskonflikte lassen sich dadurch besser steuern und transparent begründen. Gleichzeitig entsteht eine nachvollziehbare Datengrundlage für Förderabrechnungen und Zertifizierungsverfahren.
Regelmäßig wiederholte Befliegungen eröffnen zudem neue Möglichkeiten für ein standardisiertes Monitoring. Veränderungen der Kronenstruktur, der Abbruch von Starkästen oder der Übergang vitaler Altbäume in stärker zerfallende Strukturen können über mehrere Jahre hinweg dokumentiert und ausgewertet werden.
Beitrag zu Arbeitssicherheit und Effizienz
Neben ökologischen und planerischen Vorteilen spielt auch die Arbeitssicherheit eine wichtige Rolle. In alpinen Lagen, in Schutzwäldern oder in schwer zugänglichen Beständen ist die Geländeaufnahme häufig mit erhöhten Risiken verbunden. Durch die Vorselektion potenzieller Habitatbäume lassen sich Begehungen gezielt auf relevante Bereiche beschränken. Dies reduziert nicht nur den zeitlichen Aufwand, sondern auch die Exposition gegenüber Gefahren wie Steinschlag, absturzgefährdeten Hängen oder bruchgefährdeten Altbäumen.
Gleichzeitig ermöglicht der Einsatz von Drohnen eine effizientere Nutzung personeller Ressourcen. Größere Flächen können in kurzer Zeit überblickt und strukturiert werden, während sich die fachliche Beurteilung im Gelände auf ausgewählte Bäume konzentriert.
Auswahl von Habitatbäumen
Ein in der Praxis häufig diskutierter Punkt betrifft die Frage, ob Habitatbäume auch Teil der jeweils dominierenden Baumart eines Bestandes sein können – etwa eine sehr alte Fichte in einem fichtendominierten Bestand – ohne dadurch erhöhte forstschutzfachliche Risiken zu verursachen. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Habitatbäume nicht per se problematisch sind, wenn sie derselben Baumart wie der Hauptbestand angehören (beispielsweise Fichten-Reinbestände). Entscheidend ist vielmehr ihr Gesundheitszustand, ihre Stabilität sowie ihre räumliche Lage im Bestand. Gleichzeitig ist aus forstschutzfachlicher Sicht zu berücksichtigen, dass stark geschwächte oder absterbende Individuen der Hauptbaumart – insbesondere in einschichtigen, nadelholzdominierten Beständen – unter bestimmten Rahmenbedingungen als Ausgangspunkt für Kalamitäten dienen können. Vor diesem Hintergrund kann es in vielen Situationen fachlich sinnvoll sein, Habitatbäume bevorzugt aus weniger bestandesprägenden Baumarten auszuwählen, beispielsweise ältere Laubbäume in nadelholzdominierten Beständen. Von diesen geht in der Regel ein geringeres Risiko für die Stabilität und den Schutz des Hauptbestandes aus, während ihr ökologischer Wert als Habitatträger gleichzeitig sehr hoch ist. Die Auswahl geeigneter Habitatbäume sollte daher stets standort- und bestandesbezogen erfolgen und neben ökologischen Zielsetzungen auch forstschutzfachliche Aspekte in die Entscheidungsfindung einbeziehen.
Ausblick & Fazit
Die technische Entwicklung schreitet rasch voran. Erste Ansätze zur automatisierten Erkennung von Kronentotholz oder großkronigen Altbäumen mittels Bildanalyse liegen bereits vor. Künftig könnten KI-gestützte Verfahren die Vorselektion weiter vereinfachen und standardisieren. Die fachliche Beurteilung im Gelände und die waldbauliche Einordnung bleiben jedoch auch in Zukunft unverzichtbar.
Die drohnengestützte Erfassung von Habitatbäumen stellt eine praxisnahe und wirkungsvolle Ergänzung zur klassischen Geländeaufnahme dar. Sie verbessert insbesondere im Kronenbereich die Erkennung ökologisch wertvoller Strukturen und ermöglicht eine objektivere, effizientere und nachvollziehbarere Identifikation von Habitatbäumen. Vor dem Hintergrund der zentralen Bedeutung von Habitatbäumen für die Biodiversität in bewirtschafteten Wäldern leisten digitale Verfahren einen wichtigen Beitrag zur Integration naturschutzfachlicher Zielsetzungen in die forstliche Praxis. Drohnen ersetzen die Geländeaufnahme nicht, erweitern sie jedoch zu einem modernen, effizienten und sicherheitsrelevanten Instrument einer zukunftsfähigen österreichischen Waldbewirtschaftung.